Nachbarschaft

Veröffentlicht am 23.02.2021 von Paul Lufter

Kathrin Kirste, 30 Jahre alt, aufgewachsen in Marzahn-Hellersdorf.

Auch wenn Kathrin Kirste schon seit einiger Zeit in Kreuzberg lebt wird sie nie müde, für ihre alte Heimat zu werben und mit Klischees aufzuräumen. So auch am Montag, als sie bei „Wer wird Millionär“ auf dem Stuhl gegenüber von Günther Jauch Platz nahm.

In die Sendung wollte Kirste schon als Kind. „Als ich in der dritten Klasse war, ist die Sendung gerade im Fernsehen gestartet. Seitdem wollte ich daran teilnehmen. Ich habe damals sogar versucht, meinen Vater anzumelden“, erzählt Kirste. Irgendwann rückte der Wunsch jedoch in den Hintergrund und verschwand.

„Als ich im vergangenen Jahr mit meinem Freund zusammengezogen bin, hat er seinen Fernseher mitgebracht. Am ersten Abend saßen wir auf der Couch und haben ‚Wer wird Millionär‘ geguckt. In der Sendung hat direkt jemand die Millionen Euro gewonnen. Da war mir klar: Ich will auch auf diesen Stuhl,“ sagt Kirste.

Nach der Anmeldung gingen direkt die Vorbereitungen los. „Ich habe vor einem dreiviertel Jahr die Zusage bekommen und seitdem gebüffelt“, erzählt Kirste. „Ich habe Bücher gekauft, gelernt, bin sogar extra auf Instagram Promis gefolgt und habe Klatsch-Seiten gelesen, um auch da auf dem neuesten Stand zu sein.“ Für die optimale Vorbereitung trainierte Kirste sogar mit einer befreundeten Schauspielerin, die für sie den Jauch mimte.

Denn was vom heimischen Sofa immer so einfach aussieht, ist in Wirklichkeit ganz schön nervenaufreibend. „Ich bin eigentlich sehr stressresilient und habe auch schon beim Fernsehen gearbeitet“, sagt Kirste. „Als ich dann aber auf dem Stuhl Platz genommen habe, war ich doch ganz schön nervös.“ Trotzdem sei es einer der schönsten Momente ihres Lebens gewesen. Ihre Partie auf dem Stuhl zog sich. Die erste Sendung wurde gestern Abend ausgestrahlt.

Das Thema Marzahn-Hellersdorf kam auch gleich zur Sprache. Bei einer Frage über „Guerilla Gardening“ wollte Günther Jauch ein bisschen mehr über die alte Heimat von Kirste wissen. „Bereits beim Bewerbungsverfahren habe ich öfter den Bezirk erwähnt. Deshalb hat Herr Jauch mich wahrscheinlich danach gefragt“, sagt Kirste. Ihr sei es wichtig gewesen, mit den negativen Klischees aufzuräumen. Im Gespräch erzählte sie deshalb von den vielen schönen und grünen Ecken im Bezirk, die sonst weniger Aufmerksamkeit erfahren.

„Ich wollte Marzahn-Hellersdorf in ein gutes Licht rücken“, sagt Kirste, die in einer Hellersdorfer Plattenbauwohnung aufgewachsen ist. Noch heute erinnert sie sich gerne an die Zeit zurück. „Ich hatte eine sehr schöne Kindheit“, sagt Kirste. „Ich durfte allein auf den Spielplatz gehen. Die Gegend war gestalterisch so angelegt, dass man theoretisch alles Wichtige erreichen konnte, ohne eine einzige Straße überqueren zu müssen. Es war immer ruhig und zwischen mir und meinen Freunden, die um die Ecke gewohnt haben, lagen mindesten drei Spielplätze.“ In Kreuzberg sei das ganz anders. „Ich bin aber auch nicht sicher, ob das heute in Marzahn-Hellersdorf noch so ist“, bemerkt Kirste.

Das der Bezirk ein schlechtes Image hat, ist ihr erst an der Uni bewusst geworden. Als sie ihr Politik-Studium an der Freien Universität Berlin begann, kamen von 200 Studierenden in ihrem Jahrgang nur zwei aus Berlin. Kirste war eine davon. „Die meisten kamen aus dem ehemaligen Westen. Damals wurde ich zum ersten Mal mit meiner Herkunft konfrontiert“, sagt sie.

Die Erfahrung hat sie geprägt. Von Kommiliton*innen seien ihr immer wieder teils komische Fragen über das Leben im ehemaligen Osten gestellt worden. „Eine konnte es nicht fassen, dass ich nicht in die Kirche gehe und keiner Religion angehöre. Die hat mich dann gefragt, was ich denn dann auf den Formularen beim Bürgeramt angebe“, berichtet Kirste. Für sie habe es sich in diesem Moment so angefühlt, als würde die Mauer wieder stehen.

Auch Bekannte nach Marzahn-Hellersdorf zu locken, sei gar nicht so einfach gewesen. „Als ich an der Uni eine Clique gefunden hatte, wollten die nicht nach Marzahn kommen“, sagt Kirste. „Die hatte Angst vor Gewalt und Schießereien. Dabei haben die selbst alle im tiefsten Neukölln gewohnt.“ Schließlich habe sie an der Uni eine andere Frau aus dem Bezirk kennengelernt. „Wir mussten die anderen dann immer von der Bahn abholen, wenn sie dann doch mal nach Marzahn gekommen sind“, sagt Kirste leicht amüsiert. Durch die damalige Zeit habe sie eine Art Ost-Identität entwickelt, auf die sie heute stolz ist. „Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. An der Uni war ich plötzlich umgeben von Akademikerkindern, die teils schon Auslandsaufenthalte und andere Programme mitgemacht hatten, während ich eben Kathrin mit einem Abitur aus Marzahn war.“

Auch heute versucht Kirste in ihrem Beruf Menschen für den Bezirk zu begeistern. Kirste arbeitet bei einer internationalen Organisation, wo sie sich um die Finanzen, das Personal und Fundraising kümmert. „Es ist für mich wie eine Art ‚Auftrag‘. Wenn wir Gäste haben, versuche ich sie irgendwie nach Marzahn-Hellersdorf zu bringen, um ihnen die schönen Ecken des Bezirks zu zeigen.“ Der Bezirk habe schließlich viel mehr zu bieten, als die meisten ahnen. Selbst Günther Jauch habe nicht gewusst, wie Grün der Bezirk ist, so Kirste. Wenn sie etwas am Bezirk stört, dann ist es der Mangel an Cafés und Ausgehmöglichkeiten. „Deshalb gehen auch viele weg, weil ihnen nicht genug geboten wird“, erklärt Kirste. Sie könne es sich aber vorstellen, wieder zurückzukehren. „Meine Kernfamilie wohnt ja auch noch da.“

  • Wenn Sie wissen wollen, wie es für Kathrin Kirste bei „Wer wird Millionär“ ausgegangen ist: Die zweite Folge mit ihr läuft am kommenden Montag, dem 1. März, um 20.15 Uhr auf RTL.

Foto: TVNOW / Frank Hempel

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