Nachbarschaft

Veröffentlicht am 02.03.2021 von Ingo Salmen

Kurda Nejad, 38, ist Berlinerin mit kurdischen Wurzeln. Sie lebt in Weißensee und arbeitet seit Januar als Projektkoordinatorin des interkulturellen Frauentreffs Rosa in der Marzahner Promenade 45, gleich neben dem Projektraum Galerie M. frauenzentrum-marie.de

Ein Jahr Pandemie, inzwischen auch schon wieder vier Monate Lockdown: Wie geht es den Frauen, die Sie betreuen? Zu unserer Zielgruppe gehören hauptsächlich Frauen mit Flucht- und Zuwanderungsbiografie, die nicht so gut Deutsch können und sich kaum in hiesigen Strukturen auskennen – sei es im Berufs-, Bildungs- oder Gesundheitssystem. Ihnen geht diese herausfordernde Zeit an die Substanz, da sie besonders von sozialer Isolation betroffen sind. Aktuell nutzen die Frauen unsere Online-Angebote und versuchen, sich innerhalb der Gruppe gegenseitig zu unterstützen.

Der Frauentreff Rosa wendet sich besonders an afghanische, syrische und irakische Frauen, die als Flüchtlinge kamen. Welche speziellen Probleme haben diese Frauen in der Coronakrise und im Lockdown? Einige Frauen brauchen aufgrund ihres geringen Bildungs- und Alphabetisierungsniveaus länger, um mit den Online-Tools und Webkonferenzsystemen umzugehen. Und ähnlich wie bei Schüler:innen ersetzt ein Online-Unterricht keine Präsenzveranstaltung. Persönlicher Austausch ist für den Spracherwerb sehr wichtig. Die Frauen, die in Flüchtlingsunterkünften leben, leiden unter mangelnder Privatsphäre, während diejenigen, die in ihren eigenen Wohnungen leben, stärker von der Umwelt isoliert sind. Beide Lebensbedingungen verursachen Stress.

Wie helfen Sie ihnen – und was würden Sie sich von der Politik wünschen? Wir helfen ihnen, indem wir den Gruppenzusammenhalt über direkte Kontaktaufnahme aufrechterhalten. Wir haben zwei Gruppenleiterinnen, die selbst eine Fluchtgeschichte haben und engen Kontakt zu den Frauen in ihren jeweiligen Muttersprachen, also Persisch und Arabisch, pflegen. Zudem bieten wir einige unserer Angebote online an, wie beispielsweise unser Sprachcafé oder Bildungs- und Berufsberatungen. Diese Beratungsangebote werden sehr gut von den Frauen angenommen, da sie Perspektiven für die Zeit nach der Coronakrise eröffnen. Von der Politik brauchen wir konkret zwei Dinge: Erstens Mittel für einen schnellen Ausbau der psycho-sozialen Beratungsangebote, um dem erhöhten Bedarf gerecht zu werden. Zweitens eine unbürokratische Ausstattung für die notwendige Digitalisierung, damit unsere Zielgruppe nicht abgehängt wird.

Wann, glauben Sie, können Sie auch mit Angeboten vor Ort wieder beginnen – und was haben Sie dafür geplant? Unser Verein Frauenzentrum Marie hat die Trägerschaft für das interkulturelle Frauentreff Rosa seit Januar 2021 übernommen. Die Wiedereröffnung ist für den 3. Mai geplant. Bis dahin werden wir die Räumlichkeiten renovieren. Wir hoffen, dass sich zu diesem Zeitpunkt Kleingruppen unter Einhaltung eines Hygienekonzepts treffen können. Sollte die Pandemie weiterhin keine Gruppenveranstaltungen zulassen, werden wir zumindest Einzelberatungen vor Ort anbieten.

Eine persönliche Frage zum Schluss: Sie haben selbst Kinder, sind beruflich tätig – was ist Ihr Rezept, um den Lockdown durchzustehen? Ich habe zwei Töchter, die im Schul- und Kita-Alter sind. Das macht die aktuelle Situation herausfordernd. Aber da ich die Umstände nicht verändern kann, versuche ich diese Zeit bestmöglich zu gestalten. Dazu gehört für mich viel Zeit an der frischen Luft und weiterhin die Pflege sozialer Kontakte – über digitale Kanäle.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-i.salmen@tagesspiegel.de