Nachbarschaft

Veröffentlicht am 27.04.2021 von Ingo Salmen

Sandra Ballschmieder, 43, ist Sozialpädagogin und leitet die Kontakt- und Begegnungsstätte (KBS) „Das Ufer“ im Dorf Marzahn, Alt-Marzahn 30a. Im vergangenen Jahr hat der Träger „Lebensnähe“ in unmittelbarer Nähe, Alt-Marzahn 25d, eine Zweigstelle namens „BuS“ eingerichtet, was für Beratungs- und Servicezentrum steht. Über die Ausweitung des Angebots, den Bedarf an psychosozialer Beratung und seelische Unterstützung in der Coronakrise sprachen wir mit Sandra Ballschmieder am Telefon. lebensnaehe.de

Sie haben Ihr Beratungsangebot im Dorf Marzahn ausgebaut. Wer kann das in Anspruch nehmen? Das kann prinzipiell von jedem angenommen werden. Wir haben eine Sozial- und Teilhabeberatung, außerdem eine Ernährungsberatung, Schuldnerberatung und Beratung zur Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht. An zwei Tagen in der Woche gibt es auch eine offene Beratung für Geflüchtete auf Arabisch und Farsi, da geht es oft um Übersetzungen oder Hilfe bei Behördengängen. Wir haben schon vor Corona gemerkt, dass es einen unglaublichen Beratungsbedarf gibt, deshalb brauchten wir mehr Platz und mehr Personal. Im Ufer haben wir hingegen tagesstrukturierende Angebote wie einen offenen Treff, aber auch verschiedene Gruppenangebote wie zum Beispiel eine Kreativ- und eine Fremdsprachengruppe.

Wie hat sich die Coronakrise auf die psychosoziale Beratung ausgewirkt? Die hat sich grundsätzlich verändert. Das KBS-Konzept ist ja niedrigschwellig, man kann einfach kommen – ohne Überweisung, ohne Termin. Jetzt muss es mit Anmeldung sein. Da kommen viele einfach nicht mehr, weil sie schon mit der Anmeldung überfordert sind oder sich scheuen, ihren Namen zu nennen. Dabei wird alles vertraulich behandelt. Freitagnachmittags hatten wir im Ufer sonst 30 Leute im offenen Treff – nun dürfen es nur noch zwei sein plus Betreuer. Dann können sich zumindest Leute sehen, die Redebedarf haben. Wir haben einfach auch wahnsinnig viele, die zu einer Risikogruppe gehören, die müssen wir auch schützen.

Läuft denn die Beratung in Präsenz weiter? Die Einzelberatung halten wir von Beginn an aufrecht. Wo es geht, führen wir sie aber telefonisch durch oder treffen uns zu Spaziergängen. Gruppen und Treffs haben wir schon im ersten Lockdown abgesagt. So etwas wie Kreativangebote sind nun nur noch im Einzelkontakt möglich. Ein Telefonat reicht oft eben nicht, um einen Tag auszufüllen.

Haben sich die Sorgen der Leute geändert? Ja, massiv. Da ist die Angst vor der Krankheit an sich, aber auch die wirtschaftliche Sorge. Einige denken, ihnen könnten Gelder wie Hartz IV gekürzt werden, das versuchen wir durch Argumente zu entkräften. Und natürlich die Isolation: Viele leben ohnehin allein und suchen sonst Kontakt in unseren Treffs und Gruppen. Manchmal sind die Leute froh, wenn sie überhaupt mal jemanden zu Gesicht bekommen und reden können. Das ist für die meisten unserer Besucher und Mitarbeiter eine wahnsinnige Herausforderung – wir warten sehnlichst darauf, dass alles wieder normal läuft.

Wie lange halten die Leute noch durch? Bei einigen dachten wir schon vergangenes Jahr, die werden wohl einen Klinikaufenthalt brauchen – und die sind immer noch gut dabei. Andere hingegen gehen schon lange auf dem Zahnfleisch.

Was wäre Ihr größter Wunsch? Schnelle Impffortschritte – und schönes Wetter, damit wir draußen was anbieten können.

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