Nachbarschaft

Veröffentlicht am 02.07.2024 von Christina Heuschen

Auch wenn man bei Line Dance an Wilden Westen denkt –  trainiert wird ohne Cowboystiefel und Hüte. Die meisten, die einmal pro Woche in den „Maxie-Treff“ kommen, tragen Jeans und Shirts. So wie Denise Sell. Seit zwölf Jahren gibt sie in der Hellersdorfer Begegnungsstäte Line-Dance-Kurse. „Lernen kann das jeder, aber es sieht leichter aus, als es ist“, sagt die 56-Jährige, die selbst seit fast 20 Jahren dieses Hobby betreibt.

Es macht ihr Freude, mit Gleichgesinnten zu tanzen. „Das ist Sport für Kopf und Körper“, sagt  die Hellersdorferin. Für sie selbst ist es sogar noch ein bisschen mehr – ein harter Kampf gegen den Krebs. Ein Training gegen schlechte Gedanken und für einen starken Willen zum Gesundwerden. „Diese Übungseinheiten bedeuten mir sehr viel, es macht immer Spaß und es gibt nie Ärger“, erzählt die lebenslustige Frau.

Kursteilnehmerinnen bestätigen das. Und sagen über ihre Trainerin nur Gutes. „Sie ist witzig, locker, versteht es, uns zu motivieren und hat ein großes Herz“, erklärt etwa Ramona. Die anderen nicken und erzählen, dass sie sich jede Woche auf „ihre schweißtreibende Auszeit“ freuen. Und was ist nun so schwer am Line Dance, der so locker rüberkommt? „Sich die vielen Schritte und -folgen zu merken“, sagt Livia. Immerhin gibt es mehr als 50 Grundschritte.

Denise Sell hat sie alle drauf: Linke Hacke, rechte Hacke, drehen, kleiner Sprung zurück und mit der Fußspitze auftippen – aber das ist nur ein kleiner Ausschnitt. Zu den Trainingseinheiten ruft sie die englischen Bezeichnungen in den Raum, hat sie aber vorher auf Deutsch erklärt.

Vier Kurse leitet sie im „Maxie-Treff“, der mitten im Wohngebiet an der Maxie-Wander-Straße liegt und zur Wohnungsbaugenossenschaft Wuhletal eG gehört. Betrieben wird das Haus vom Kulturring.

Zum Line Dance kommen vorwiegend Frauen im Alter zwischen 15 und 76 Jahren. Manche üben vorher zu Hause oder schauen sich Videos an. Andere versuchen, auf Line-Dance-Partys Schritt zu halten. Aber erst beim Training, wenn alle auf ihren Plätzen stehen und Denise laut einen Titel ankündigt, merkt jeder, was er wirklich draufhat. „Ungefähr drei Wochen brauchen wir, um einen neuen Tanz zu lernen“, sagt die Trainerin. Als Einstieg macht sich der „Electric Slide“ gut. „Weil Schritte und Musik ineinander übergehen“, sagt die Hellersdorferin. Sie schätzt, dass sie selbst und auch die Fortgeschrittenen um die hundert Tänze beherrschen.

Während des Trainings steht sie jedenfalls in der ersten Reihe, tanzt konzentriert und beobachtet dabei die Teilnehmerinnen. Bei „Doctor, Doctor“ nach der Musik von Bad Case ruft sie unter anderem „Hacke, Spitze, Spitze, Hacke“ und sagt nach einer Weile: „Momentan herrscht Chaos, deshalb machen wir das noch einmal trocken.“

Ohne Musik geht es von vorn los. Konzentrierte blicken alle auf Denises Füße und versuchen ihr zu folgen. Trotz Anspannung liegt ein Gefühl von Leichtigkeit im Raum. Denn Line Dance kommt vom Herzen und wird gefühlvoll getanzt. Auch die Gesichter wirken nicht mehr angespannt, als Denise nach einer Weile wieder Musik dazu schaltet.

Sie ist zufrieden mit der Leistung ihrer „Schülerinnen“, aber ein bisschen Aufregung bleibt dennoch. Schließlich steht am 12. Juli ein großer Auftritt an. Beim Sommerfest im Garten des „Maxie-Treffs“ sind die Line Dancer dabei. Drei Tänze werden auf der Terrasse von 53 Tänzern, in blauen Jeans, schwarzen Shirts und mit – Cowboyhüten präsentiert. Natürlich macht die Trainerin mit. „Für mich sind solche Auftritte einfach das Größte.“

Vielleicht erfüllt sich auch bald ein langgehegter Wunsch: Sie war noch nie in den USA und träumt schon lange davon, einmal in die Südstaaten zu reisen und live Line Dance zu erleben.

  • Text und Foto: Steffi Bey