Intro

von Laura Hofmann

Veröffentlicht am 06.04.2018

„Was hilft die kostenlose Kita, wenn man keine Kita hat?“, fragt Elise Hanrahan, Mutter von zwei kleinen Kindern aus Mitte, und bringt die Kitaplatz-Misere auf den Punkt, die Berlin, die Babyboom-Stadt gerade erlebt. Rund 3000 Plätze fehlen, der Mangel betrifft immer mehr Menschen. Und die Kita „Drachenreiter“ nahe dem Alexanderplatz, die Hanrahans Kinder besuchen, schließt neuerdings um 14 Uhr, weil Erzieherinnen fehlen. Die Notmaßnahme ist vorerst auf zwei Wochen befristet, beunruhigt ist Hanrahan aber trotzdem. „Wir sind alle verzweifelt, denn es geht um unsere Existenz“, sagte sie meiner Kollegin Susanne Vieth-Entus.

Deswegen plant sie eine Großdemo am 27. Mai am Brandenburger Tor. Den Landeselternausschuss Kindertagesstätten (LEAK) und die GEW konnte sie für die Idee schnell gewinnen. Auch die Initiatoren der Online-Petition „Wir brauchen Kitaplätze! Jetzt!“, die bereits über 40.000 Unterschriften gesammelt haben, sind Teil der Elterngruppe, welche die Demo organisiert. Hanrahan ist US-Amerikanerin und lebt seit zehn Jahren in Berlin. Ironischerweise war der Hauptgrund dafür, dass sie Berlin als ihre neue Heimat auswählte, das „tolle Sozialsystem“ in Deutschland. Hier sei man so viel weiter als in den USA, wo es zum Beispiel kein Recht auf einen Kita-Platz gibt. Deswegen ist Hanrahan „optimistisch genug zu glauben, dass eine Demo wirklich etwas bewegen kann“.

Die Kita Alegría bekommt derweil ein Jahr Aufschub: Der Bezirk hat die Kündigung der mehrsprachigen, vegetarischen Kita in der Schmidstraße zu Anfang 2019 zurückgenommen – und direkt zum 31. Januar 2020 erneut ausgesprochen. Für Elternvertreter Rupert Wiederwald ein kleiner Sieg. „Es zeigt, dass der Bezirk offensichtlich seinen eigenen Beteuerungen keinen Glauben mehr schenkt, wonach alles reibungslos und ohne Probleme vonstatten gehen kann“, meint er und bezieht sich auf die Beteuerung der zuständigen Stadträtin Sandra Obermeyer (parteilos, für die Linke), den Übergang von einer Kita in die andere für Kinder und Eltern so einfach wie möglich zu gestalten. Die betroffenen Eltern hatten über 3000 Unterschriften gegen die Kündigung ihres Kita-Trägers gesammelt. Fabian Koleckar (Bezirksverordneter, Linke) bezeichnete den Schritt als „Entgegenkommen“ des Bezirksamts. Das Bezirksamt selbst äußerte sich bis Redaktionsschluss dieses Newsletters nicht zu den Gründen für die Entscheidung.

In der Albrechtstraße dagegen würden sich die Eltern eine Kündigung ihres Kita-Trägers wünschen. Über den Machtkampf zwischen dem Träger GFJ und den Eltern der Kita Fair Play hatte ich in den vergangenen Wochen berichtet. Grund für das Zerwürfnis, auch zwischen dem ursprünglichen Kita-Team und dem Träger, war die Einführung eines offenen Konzepts, das den Kindern Raum für mehr Selbstbestimmung bieten soll. Inzwischen machen auch Eltern anderer Kitas des Trägers mobil. Insgesamt betreibt GFJ vier Kitas in Mitte. Die Elternvertreter der Kita Pusteblume in der Sebastianstraße klagen über Personalmangel, Anfang des Jahres gab es eine Krisensitzung mit dem Träger. Eine Erzieherin wurde dann noch überraschend in die Kita Fair Play versetzt – dort fehlten Erzieherinnen, nachdem aus Protest gegen die Entlassung der Leiterin fast alle Mitarbeiter kündigten. Beunruhigt sind die Eltern auch wegen einer Pressemitteilung der Geschäftsführerin Monika Zantke, in der sie den Eltern Verleumdung vorwirft und dabei selbst verleumdet. Und zur Auswertung der Kita-Evaluation hat sie die Elternvertreter kurzerhand ausgeladen. Der Machtkampf in der Albrechtstraße geht also weiter.

Laura Hofmann arbeitet in der Berlin-Redaktion des Tagesspiegels. Ihre erste Berliner Wohnung war im Wedding, hierher kehrt sie immer gerne zurück. Heute wohnt sie an der Grenze zwischen Prenzlauer Berg und Mitte, den Fernsehturm immer fest im Blick. Schreiben Sie ihr eine Mail oder folgen Sie ihr auf Twitter oder Facebook.

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