Intro

von Corinna Cerruti

Veröffentlicht am 06.02.2019

„Der öffentliche Raum in der Stadt ist begrenzt? Dann gehört er mir!“, „Nie, nie, nie wieder bremsen!“, „Fahrradwege brauch ich nie – Platz da für mein SUV!“ Diese oder ähnliche Parolen dürften Fußgänger*innen am Samstag in Mitte vernommen haben, als eine Satire-Demonstration durch die Straßen zog. Mit einem überdimensionierten Bobby Car – wie hier auf Twitter zu sehen – wurde gegen „XXL-Privatautos, Superklasse-Geländewagen und große, trendige Familienpanzer“ protestiert. Und womit? Mit Recht!

Meine Kollegin Sigrid Kneist berichtete erst vor kurzem in ihrem Tempelhof-Schöneberg-Newsletter von Verkehrsproblemen und gefährlichen Situationen, die entstehen, wenn Eltern ihre Kinder direkt bis vor die Schulen fahren. Nicht unschuldig daran dürften die immer breiter werdenden Fahrzeuge sein, die die Deutschen offensichtlich mehr und mehr dem spritsparenden Kleinwagen vorziehen. Das ist nicht nur ein Gefühl, das ist Fakt.

Laut einer Studie der Universität Duisburg-Essen hatten die Neuwagen des vergangenen Jahres durchschnittlich 153,4 PS – 1,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Dank steigender Verkäufe von schweren SUVs sei auch im laufenden Jahr mit weiter steigenden Durchschnittswerten bei der Motorkraft zu rechnen. Diese motorisierten Monster haben sich in die Herzen der Deutschen gebrummt und sie sind nicht mehr wegzudenken!

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für den Tagesspiegel geben zudem 63,9 Prozent der Autofahrer an, dass sie sich „eher nicht“ (23 Prozent) oder „auf keinen Fall“ (40,9 Prozent) aus Umweltschutzgründen „größtenteils“ auf das Auto zu verzichten würden. Klimawandel hin oder her: Der Deutsche und sein Auto sind im Großen und Ganzen unzertrennlich.

Für Bewohner*innen auf dem Land kann ich Verständnis aufbringen. Die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ist meist katastrophal. Aber in Berlin? Hier, wo die U-Bahn wochentags alle drei bis fünf Minuten kommt, am Wochenende maximal alle zehn? Hier, wo Fahrradfahrer*innen und Fußgänger*innen sich in den täglichen Kampf stürzen müssen, nicht von einem Gefährt beim Abbiegen erfasst zu werden?

Gerade in Mitte schüttle ich regelmäßig den Kopf darüber, wie viele Fahrzeuge um den begrenzten Platz auf der Straße buhlen. Wer schon einmal die Friedrichstraße mit dem Fahrrad befahren hat, weiß, wovon ich spreche. Bei dem Überangebot an Bus und Bahn sollte es doch eigentlich überflüssig sein, mit dem privaten Auto – und vor allem dem SUV – in die Innenstadt zu fahren. Sie sehen das nicht so? Dann schreiben Sie mir gerne. Mir fällt beim besten Willen kein Argument für das Auto ein.

Corinna Cerruti arbeitet in der Berlin-Redaktion des Tagesspiegels. Ihre erste Berliner Wohnung war im Wedding. Heute wohnt sie in Kreuzberg und spaziert am liebsten am Landwehrkanal entlang. Dort grüßt sie dann den oder die ein*e oder andere*n Hausbesetzer*in. Schreiben Sie ihr eine Mail oder folgen Sie ihr auf Twitter.

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