Intro

von Julia Weiss

Veröffentlicht am 05.06.2019

an der Kurfürstenstraße wird das Elend von Sexarbeiterinnen für alle sichtbar. Sonst findet Prostituition oft im Verborgenen statt. Passanten und Anwohner stören sich immer wieder daran, fordern den Straßenstrich ganz zu verbieten. Meine Kollegin Helena Piontek hat Streetworker Gerhard Schönborn (57) getroffen. Er ist Mitgründer und Vorsitzender von Neustart e.V., einem christlichen Verein, der dort seit elf Jahren ein Kontaktcafé unterhält. Ein Verbot würde die Falschen treffen, sagt er. Das ganze Interview lesen Sie hier.

Der Straßenstrich hat sich verändert. Selbstbestimmte Sexarbeiterinnen trifft der Streetworker an der Kurfürstenstraße kaum noch. Vereinzelt gebe es noch Frauen, die seit dreißig und mehr Jahren tätig sind, als selbstbestimmte Sexarbeiterinnen. Aber diese Gruppe sei mittlerweile klein, egal ob am Straßenstrich oder im Bordell. 80 Prozent der Prostituierten in Berlin kommen aus Osteuropa, diese Gruppe präge die Szene. Und diese Frauen stehen nicht immer freiwillig am Strich.

Die Grenzen zwischen Menschenhandel, Zuhälterei und Nötigung sind fließend. „Wenn der Cousin danebensteht und aufpasst, dass die Frau Geld verdient, hat das nichts von Freiwilligkeit, aber Menschenhandel ist es auch nicht direkt“, sagt Schönborn. Den Frauen selbst bleibe fast nichts von dem Geld, das sie verdienen. „Es gibt ein parasitäres Umfeld, das das schwer verdiente Geld den Frauen aus der Tasche zieht.“

Könnte man den Strich ganz verbieten? Laut Gerhard Schönborn würde das den Frauen nicht helfen – ganz im Gegenteil. In ganz Berlin arbeiten 6.000 bis 10.000 Sexarbeiterinnen. In Bordellen und Hinterzimmern gehe es ihnen aber nicht besser als auf der Straße. Verbietet man den Straßenstrich, verlagere sich die Prostitution lediglich an den Stadtrand, wo keine Hilfsorganisationen sind. „Im Kurfürstenkiez muss man sich wenigstens mit der Problematik auseinandersetzen“, sagt der Streetworker.

Ein Verbot wäre nur mit Geldstrafen durchzusetzen. Die würden aber die Falschen treffen – die Frauen. „Hier an der Kurfürstenstraße stehen Frauen, die wissen nicht, wo sie abends schlafen werden, wie sie den nächsten Tag überstehen“, sagt Schönborn.

Julia Weiss ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Sie freut sich über Kritik, Anregungen und Tipps bei Twitter oder per Mail.

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