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von Julia Weiss

Veröffentlicht am 15.07.2020

wir wollen uns gar nicht vorstellen, wie die Müllerstraße ohne Karstadt aussehen würde.“ Diesen Satz hatte Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) im Mai gesagt. Schon damals hatten die Politiker befürchtet, dass die Filiale in Wedding die Coronakrise nicht überstehen würde. Wenige Wochen später verkündete der Konzern, den Standort Müllerstraße schließen zu wollen – so wie fünf weitere Filialen in Berlin. Für den Bezirk ist das ein schwerer Schlag.

Das Kaufhaus ist Arbeitsplatz und Treffpunkt für viele Menschen. Deshalb hatte die BVV schon im Mai beschlossen, um den Karstadt kämpfen zu wollen. „Der Wegfall dieser Filiale wäre nicht nur ein herber Verlust an Einkaufsqualität, er hätte neben wirtschaftlichen auch soziale Konsequenzen – und könnte den ganzen Kiez um den Leopoldplatz in eine soziale Schieflage bringen“, hieß es in einer Presseerklärung der SPD.

Mit der Aktion „Karstadt erhalten“ will der Bezirk den Konzern nun zum Bleiben überreden und verspricht eine Investition. Der Bezirk wolle die „schon seit längerem notwendige Fassadenerneuerung“ zu 50 Prozent, maximal jedoch mit einer Summe von 1,4 Millionen Euro, unterstützen, teilt das Bezirksamt mit. Dafür müsse das Kaufhaus aber mindestens zehn Jahre bleiben. Weitere Vorschläge des Bezirksamtes zur Aufwertung des Standorts sind: Ein Dachgarten mit Café und ein Mobilitätshub der Firma Jelbi, einer Tochter der Berliner Verkehrsbetriebe, im Parkhaus. Dort könnten sich Kundinnen und Kunden Elektroroller und Autos ausleihen.

Neben den finanziellen Anreizen setzt das Bezirksamt auf Emotionen und lässt Bürgerinnen und Bürger Stellung nehmen. Mehr als 1000 Menschen haben bereits ihre persönlichen Liebeserklärungen über das Kaufhaus gesendet. Hier eine Auswahl:

„Mein Karstadt an der Müllerstraße soll bleiben, weil . . .“ 

„. . . es zum Wedding gehört, wie der Fernsehturm zu Berlin!“

„. . . es für viele Menschen die einzige Möglichkeit bietet „unter einem Dach“ Dinge des täglichen Lebens zu erhalten. Gerade auch für Ältere, die keine „Online-Shopper“ sind.“

„Ich bin seit Jahren Dauerkunde und verbinde dieses Kaufhaus auch damit, Freunde zu treffen. Das vielfältige Angebot ist ein Vorteil. Es erfüllt alle Wünsche, die ich als Kunde habe. Ich empfinde die geplante Schließung als großen Verlust.“

Und was hält Galeria-Karstadt-Kaufhof von den Vorschlägen? Eine Anfrage bei der Pressestelle blieb bisher unbeantwortet. In anderen Städten hat der Konzern allerdings tatsächlich Schließungen von Filialen wieder zurückgenommen. Ausschlaggebend war in diesen Fällen immer ein Entgegenkommen des Vermieters.

 

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