Namen & Neues

Sieben Stolpersteine in Moabit verlegt

Veröffentlicht am 18.05.2018 von Laura Hofmann

“Und dennoch” sei das Losungswort
In diesen schweren Tagen –
Und bleibst Du hier – und gehst Du fort,
Kopf hoch – und nicht verzagen!
Verzagen, das heißt untergehn –
Bewahr Dich vor dem Falle –
Die Welt ist groß, die Welt ist schön
Und sie hat Raum für Alle.
Und mache schöne Herrlichkeit
Soll noch Dein Auge schauen,
Die Welt ist schön, die Welt ist weit –
Nur Mut und Selbstvertrauen!
Auch ich erhoff’ mein Stückchen Glück,
Wenn ich zu kämpfen wage,
Und hadre nicht mit dem Geschick
Im Dunkel meiner Tage.
Und Du mein Freund, der noch nicht fort,
Hilf mir, das Glück zu zwingen –
“Und dennoch” ist das Losungswort,
Und es muss doch gelingen.

Dieses Gedicht stammt von Marie Heimann, geborene Lewin. Es trägt den Titel „Zu Roschhaschono“ – das jüdische Neujahrsfest. Marie lebte mit ihrem Mann James Heimann und ihrem Sohn Heinz-Ingo in der Gotzkowskystraße 25 in Moabit. Fast 77 Jahre nachdem die jüdische Familie dieses Haus zum letzten Mal verlassen hat und von den Nazis in ihren Tod am Neunten Fort bei Kowno in Litauen getrieben wurde, fand dort am Mittwoch, 16. Mai, die Verlegung von drei Stolpersteinen zu ihrem Gedenken statt.

Benjamin Gidron war dafür extra aus Israel angereist. Marie war die jüngste Schwester seiner Großmutter. Er hat seine Familiengeschichte erforscht. In seiner Rede sagte er: „Sie waren einfache Arbeiter und Angestellte, die wie viele andere in jenen schwierigen Jahren um’s Überleben kämpften. Das Wenige, das wir über die Familie Heimann wissen, ist, dass James, der Maries zweiter Mann war, als Fahrer arbeitete. Marie selbst war eine schöne Frau. Sie arbeitete als Sekretärin. Der Sohn Heinz-Ingo wurde 1938 in die vierte private Volksschule der Jüdischen Gemeinde in der Klopstockstraße eingeschult. Die Familie lebte seit 1936 in einer Wohnung in diesem Haus in der Gotzkowskystraße 25. Die Familie wurde am 17. November 1941 mit dem Transport Nr. 6 nach Kowno deportiert. Im Zug waren 944 Deportierte. Sie erreichten Kowno am 21. November und wurden am 25. November erschossen.“ James war 39, Marie 33 und der Sohn Heinz-Ingo 10 Jahre alt.

In Erinnerung an Oskar Haase, seine Frau Rosa, geb. Lewin, und ihre Kinder Thea und Joachim wurden zudem in der Wittstocker Straße 10 vier Stolpersteine in den Boden eingelassen. Auch Rosa war eine jüngere Schwester von Gidrons Großmutter. Oskar Haase war Friseur und hat später als Fahrer gearbeitet. Thea, die Ältere, wurde 1935 in die Heinrich-von Kleist-Schule in der Levetzowstraße eingeschult, aber 1941, einige Monate vor der Deportation der Familie, gezwungen, die Schule zu verlassen und mit anderen jüdischen Kindern auf die 216. Volksschule geschickt. Joachim ging in die 4. Jüdische Volksschule in der Klopstockstraße. Am 27. November 1941 wurde die Familie vom Bahnhof Grunewald aus mit dem 7. Transport nach Riga in den Tod geschickt. Im Zug waren 1053 Deportierte. Sie erreichten den Bahnhof Skirotava in Riga in der Nacht vom 29. zum 30. November, wurden am nächsten Morgen zum Wald von Rumbula getrieben und dort erschossen.

Aus Girdrons Rede: „Dass meine Frau und ich heute hier sind zeigt, dass wir nicht nachlassen in unserem Engagement, an jedes einzelne Familienmitglied zu erinnern – an jene, die ermordet wurden und an jene, die von den Nazis gezwungen wurden, Berlin zu verlassen. Wir hätten dieses Projekt nicht ohne die enorme Hilfe durch Sie alle, insbesondere aber vom Verein „Sie waren Nachbarn“ in Angriff nehmen können. Während meine Familienangehörigen und die Eltern und Großeltern der Vereinsmitglieder in der Vergangenheit höchstwahrscheinlich Nachbarn waren, vermitteln uns zwei oder drei Generationen später die Vereinsmitglieder das Gefühl, dass wir tatsächlich heute ihre Nachbarn sind.“

Rund 30.000 Berliner Juden und Jüdinnen wurden während der NS-Zeit vom Güterbahnhof Moabit in die KZs deportiert. Darunter etwa 1.900 Moabiter. Daran erinnert die Website des Vereins „Sie waren Nachbarn“.