Namen & Neues

Ursachen für hohe Quote an Schulabbrecher*innen

Veröffentlicht am 25.05.2018 von Maria Kotsev

Im Bezirk Mitte verlassen jedes Jahr 11,6 Prozent aller Schüler*innen ohne Abschluss die Schule. Damit liegt Mitte über dem landesweiten Durchschnitt von 9,7 Prozent. Besonders der Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist dabei – auch im Bezirksvergleich – auffallend hoch. Doch woran liegt das? Das wollte der Bezirksverordnete Taylan Kurt (Grüne) in einer schriftlichen Anfrage an das Bezirksamt Mitte wissen. Dabei betonte er, dass ihm als Begründung der bloße Migrationshintergrund der Schüler*innen oder etwa der Umstand, dass die Familie auf Sozialleistungen angewiesen ist, nicht ausreiche.

Bezirksstadträtin Sandra Obermeyer (parteilos, für die Linke) erklärt, die hohen Schulabbrecher*innenquoten lägen zum einen aber hauptsächlich am Migrationshintergrund und zum anderen, dass Eltern auf Sozialtransfers angewiesen seien: Zusammen machen diese beiden Gruppen über 80 Prozent der Schüler*innen auf den Sekundarschulen im Bezirk aus. Auch sei der Anteil an Schüler*innen aus Willkommensklassen groß, auch solche mit besonderem Förderbedarf würden in der Statistik erfasst. Ein weiteres, statistisches Problem: Jugendliche aus “bildungsorientierten” Familien würden nach der sechsten Klasse oft auf Schulen in anderen Bezirken wechseln. Abgesehen von der Frage, was “bildungsorientiert” denn eigentlich bedeutet und woran die „Abwanderung“ liegt, folgt das schwammige Fazit: “Ein Zusammenhang zu dem soziokulturellen Hintergrund und den Bildungsbiografien der Familien ist deutlich erkennbar. Allerdings liegen dazu keine detaillierten bezirklichen Untersuchungen vor”. Präventionsmaßnahmen, wie der Einsatz von Sonderpädagog*innen, spezielle Kleinklassen (derzeit insgesamt 146 Plätze), oder Berufsberatungen seien nur wirksam, wenn es im Einzelfall gelinge, “Ursachen für eine längere Schulabstinenz bzw. den drohenden Schulabbruch” zu erkennen. Schulschwänzer*innen “verfolgt und ahndet” das bezirkliche Schulamt.

Zufrieden mit der Antwort ist Taylan Kurt nicht. In einem Facebook-Post kritisiert er die “Bekämpfung von Schuldistanz mit Bußgeldern”. Sie seien nicht zielführend, zumal viele der Bußgelder an Hartz-IV-Haushalte gingen. Das Bezirksamt ducke sich seiner Meinung nach vor der Frage weg, warum in Mitte so viele Kinder die Schule ohne Abschluss verließen. “Da macht es sich der Kollege Kurt etwas leicht und interpretiert sich die Antwort des BA mal so, wie es politisch genehm ist”, findet hingegen der CDU-Verordnete Olaf Lemke, der Kurt mit einem eigenen Facebook-Post antwortete. Bußgelder seien richtig, “um die Bedeutung der Schulpflicht für unsere Gesellschaft klarzustellen”. Gleichzeitig könne das Schulamt, da seine Zuständigkeiten im wesentlichen bei Schulbau und -unterhaltung lägen, das Problem der Schulabbrecherquote gar nicht lösen. Verantwortlich sie die Landesebene und somit rot-rot-grün.

Wirklich zielführend ist die Diskussion leider nicht – ein Hin- und Herschieben der Verantwortlichkeiten ändert nichts an der traurigen Wahrheit, dass die Erfolgschancen von Kindern in Ausbildung und Beruf wesentlich vom Elternhaus abhängen. Keine neue Erkenntnis, das ist spätestens bei Pierre Bourdieu seit den Sechzigerjahren nachzulesen. Entscheidend ist der bildungspolitische Wille, Herkunft und Erfolg zu entkoppeln – auf den mehr geschulte und fähige Fachkräfte, deren zielgerichtete Aus- und Fortbildung und kostenlose Freizeit- und Förderangebote für Kinder aus allen Schichten folgen müssen.