Namen & Neues
Die einsamen Toten von Mitte
Veröffentlicht am 08.05.2019 von Laura Hofmann
376 Menschen wurden allein im Bezirk Mitte im vergangenen Jahr „ordnungsbehördlich bestattet“. Das bedeutet, dass keine Angehörige oder Freunde der Toten ermittelt werden konnten, die finanziell für eine Bestattung aufkommen. Man darf annehmen, dass es sich dabei um Menschen handelt, die vereinsamt waren, isoliert lebten, vielleicht obdachlos geworden sind. Über die Jahre ist die Zahl der ordnungsbehördlich Bestatteten gestiegen. 2012 waren es noch 190 Menschen. Damit liegt Mitte an der traurigen Spitze der Bezirke. Auch bei den Sozialbestattungen (194 in Mitte) gab es nur in Tempelhof-Schöneberg im Jahr 2017 mehr (241).
Eine Trauerfeier findet für diese Toten nicht statt. „Die Kosten und weiterer Personalaufwand für eine Trauerfeier, für Redner und für eine Ausschmückung der Halle sind für das Bezirksamt Mitte neben dem bereits gegebenen Personalaufwand im Vorfeld der Bestattungen und den Bestattungsgebühren nicht zu leisten“, teilte Gesundheitsstadtrat Ephraim Gothe (SPD) auf Anfrage von Felix Hemmer (FDP) jetzt mit. Mitte, so Gothe, zähle mit seinen Ortsteilen Tiergarten und vor allem Wedding, zu den Bezirken Berlins, die „einen besonders niedrigen Sozialindex aufweisen mit einer hoher Konzentration und Dichte von belastenden Rahmenbedingungen“. Ein großer Teil der Bevölkerung im Bezirk bezieht Sozialleistungen und kann eine Bestattung der Angehörigen nicht bezahlen. „Auch bezogen die Verstorbenen in Berlin-Mitte in den letzten Jahren zum Großteil selbst Sozialleistungen und konnten somit nicht für ihre Bestattung vorsorgen“, schreibt Gothe weiter.
Tatsächlich sind mit der Zahl der zu bestattenden Menschen auch die Kosten für das Gesundheitsamt gestiegen. Waren es 2012 noch 190 Menschen, die ordnungsbehördlich bestattet wurden, was 183.704 Euro kostete, stiegen die Kosten 2018 auf 273.342 Euro. Gleichzeitig sanken aber die durchschnittlichen Kosten pro Bestattung.
Mein Kollege, unser Chefredakteur Lorenz Maroldt, hat in seinem „Checkpoint“-Newsletter schon öfter auf den traurigen Umstand verwiesen dass das Land Berlin es nicht schafft, für seine anonymen Toten eine würdige Gedenkveranstaltung zu organisieren. Nicht zuletzt datenschutzrechtliche Bedenken stünden dem entgegen, hieß es von Behördenseite.
In Reinickendorf haben sich Ende des vergangenen Jahr deshalb Bürger zusammengefunden, um eine Gedenkfeier für ihre verstorbenen Mitbürger zu organisieren. Sie fand am Sonntag, 20. Januar, in der Apostel-Paulus-Kirche statt und soll künftig jedes Jahr am dritten Sonntag im Januar veranstaltet werden. Mein Kollege Gerd Appenzeller berichtete.