Namen & Neues

Die erste temporäre Spielstraße in Berlin - liegt nicht in Mitte

Veröffentlicht am 29.05.2019 von Laura Hofmann

Für ein paar Stunden fahren und parken einmal in der Woche keine Autos auf der Straße, stattdessen wandelt sich diese zum Begegnungsort für die Nachbarschaft: Kinder lernen Fahrrad fahren oder spielen Fangen, Erwachsene können sich zum Kaffeetrinken mitten auf die Fahrbahn setzen. Das ist die Idee hinter einer temporären Spielstraße, wie es sie ab August erstmalig in Berlin gibt: Leider nicht in Mitte, sondern in Kreuzberg, auf der Böckhstraße, zwischen Graefe-und Grimmstraße.

„Beim dritten Kind habe ich gemerkt, dass ich keine Lust mehr habe, auf Spielplätzen herumzusitzen“, erzählt Cornelia Dittrich. So kam sie auf die Idee, sich für autofreie Zonen im Kiez einzusetzen. Vor fünf Jahren fing in Pankow, wo sie wohnt, alles an, doch das Pilotprojekt in der Gudvanger Straße scheiterte bisher daran, dass eine Anwohnerin gegen den Kinderlärm klagte.

Nun also Kreuzberg. Nach den Sommerferien kann auf der Böckhstraße gespielt werden. Zwar nur mittwochs von 14 bis 18 Uhr, und nur in der warmen Jahreszeit, aber immerhin. Im März haben Dittrich und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter das Bündnis Temporäre Spielstraßen gegründet. Dazu zählen der Dachverband Berliner Kinder-und Schülerläden, der BUND oder das Deutsche Kinderhilfswerk. Sie wollen lokale Initiativen im Kiez auf ihrem Weg zur temporären Spielstraße unterstützen. Voraussetzung ist, dass Anwohner sich zusammentun und sie beim Bezirk beantragen.

Doch noch ist das alles sehr kompliziert, 1000 Unterschriften wurden im Graefekiez benötigt. Gerade läuft die Stimmensammlung am Teuteburger Platz. „Unser Ziel ist ein einfaches Antragssystem“, sagt Dittrich. „Quasi in drei Klicks zur temporären Spielstraße.“ Die 50-jährige Architektin ist dafür, die Sache einfach mal auszuprobieren. Im Vorhinein gebe es häufig Bedenken. Doch wer die Spielstraße dann erlebt, vergisst diese, so die Hoffnung. In Bremen, Bristol oder London sind diese Art der Spielstraßen übrigens schon lange gelebte Praxis. In der britischen Hauptstadt gibt es mehr als 100 von ihnen. Rechtlich gesehen ist das Ganze eigentlich einfach: denn das dafür nötige Straßenschild mit dem spielenden Kind gibt es bereits.

Und in unserem Bezirk? „In Mitte gibt es derzeit keine entsprechenden Überlegungen“, teilt Stadträtin Sabine Weißler (Grüne) auf meine Anfrage mit. Das Problem hat sie erkannt: „In den verdichteten Gebieten der Innenstadt fehlen Kindern zunehmend Flächen zum Spielen im Freien.“ Die Versorgung mit ausreichend Spielplätzen und grünen Freiflächen mit Spielraumangeboten sei dem Bezirksamt daher ein wichtiges Anliegen. „Ob temporäre Spielstraßen ein Baustein für die kindgerechte Stadt sein können, muss die noch im Ausschuss zu führende Diskussion ergeben.“

Wenn Sie sich für eine temporäre Spielstraße vor Ihrer Haustür einsetzen wollen, können Sie das Bündnis kontaktieren. Mehr Infos und Kontaktadressen finden Sie hier.

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