Namen & Neues

Sexarbeit an der Kurfürstenstraße

Veröffentlicht am 07.08.2019 von Carmel Schnautz

Wie wir schon ausführlich hier im Newsletter berichteten, gibt es seit einer Weile eine Menge Streit um die Kurfürstenstraße. Nun hat die Grünen-Fraktion in Mitte unter Initiative von Taylan Kurt und Tilo Siewer den Beschluss gefasst, Sexarbeit rund um die Kurfürstenstraße mit „Hilfe und Augenhöhe statt Verdrängung und Kriminalisierung“ zu begegnen. So war der Antrag für den Fraktionsbeschluss betitelt. Ihr Parteifreund und Bürgermeister Stephan von Dassel sprach kürzlich noch für ein Sperrgebiet im Kiez aus.

Im aktuellen Antrag wird die Geschichte der Sexarbeit an der Kurfürstenstraße zusammengefasst, wie sie vor 100 Jahren funktioniert hat mit den damals noch existierenden Stundenhotels, billigem Wohnraum für die Sexarbeitenden rund um die Kurfürstenstraße und ein dadurch existierendes „nachbarschaftlichen Miteinander mit den Anwohnenden, welches durch gegenseitiges Verständnis geprägt war“. Dieses sei Anfang der 70er Jahre durch die zunehmende Bebauung und Erhöhung der Mieten veschwunden. Auch seien immer mehr Menschen aus dem osteuropäischen Ausland eingewandert, die häufig aus existenzieller Not heraus Sexarbeit anbieten und in Ausbeutungsverhältnisse gedrängt werden. Hierdurch nehme auch die Anonymität der Sexarbeit zu, schreiben die Grünen. „Dies geht einher mit einem ruinösen Konkurrenzkampf um möglichst günstige sexuelle Dienstleistungen, einem verschlechterten Gesundheitszustand der Sexarbeitenden, vermehrter Drogenabhängigkeit, Wohnungslosigkeit und dokumentierten Fällen schwerer Körperverletzung durch Freier und Zuhälter.“

All dem wollen die Grünen entgegenwirken: „Unser Ziel ist es, den Sexarbeitenden ein selbstbestimmtes, würdevolles Leben zu ermöglichen, denn wir wollen einen Kiez für alle.“ Es wird klar unterschieden zwischen Sexarbeiter*innen, die selbstbestimmt ihre Dienstleistungen anbieten und gewerblich angemeldet sind; die aus wirtschaftlicher Not heraus nicht gewerblich angemeldet sind, aber aus freiem Willen arbeiten; und die zur Sexarbeit gezwungen werden.

Der Antrag positioniert sich klar gegen ein Sperrgebiet, denn dieses würde Zwangsprostitution und Gewalt nicht verhindern, sondern vielmehr unterstützen, da Sexarbeit als Folge in der Illegalität angeboten werden würde. Gemeinsam mit der Bezirksverodnetenversammlung (BVV) wurde ein Maßnahmenpaket beschlossen, das „Forderungen des Stadtteilforums Tiergarten-Süd aufnimmt und die negativen Begleiterscheinungen des Straßenstrichs, wie z.B. das erhöhte Müllaufkommen und den erheblichen Suchverkehr, reduzieren soll.“

Ferner werden die Forderungen des Runden Tisches Sexarbeit unterstützt, insbesondere wird gefordert, dass die Öffnungszeiten des Frauentreffs Olga über das ganze Wochenende ausgeweitet werden und Verrichtungsboxen in der Nähe der Kurfürstenstraße errichtet werden. Diese sollen wie bereits berichtet, die Sichtbarkeit des Geschlechtsverkehres im öffentlichen Raum verringern und für mehr Sicherheit der Sexarbeitenden sorgen. Zudem unterstützt der Antrag die Präsenz eines Drogenmobils und die Errichtung von Spritzenmülleimern. Mittelfristig wird über die Errichtung eines stationären Drogenkonsumraums gesprochen. Auch soll ein Kältehilfestandort für wohnungslose Sexarbeiter*innen in der Pumpe, Lützowstraße, eingerichtet werden. Für Sexarbeitende, besonders aus dem EU-Ausland, die dieser Tätigkeit unfreiwillig nachgehen und die ausgebeutet werden, wird eine Beratungsinfrastruktur und ein Ausstiegsprogramm gefordert. Der Beschluss sagt deutlich, dass Sexarbeitende in der Kurfürstenstraße weiterhin ihren Platz haben sollen und ein gutes Miteinander mit Anwohnenden vor Ort möglich sein soll.

Diesen Text habe ich als Leseprobe dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Mitte entnommen. Den – kompletten! – Mitte -Newsletter, den ich Ihnen einmal pro Woche schicke, gibt es ganz unkompliziert und kostenlos hier leute.tagesspiegel.de.

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