Namen & Neues
Leerstand im Schultheiss Quartier in Moabit
Veröffentlicht am 13.11.2019 von Julia Weiss
Vor dem Schaufenster des Partyausstatters „Party Fiesta“ in Moabit steht ein Baugerüst. Zwei Männer sind dabei, das Firmenlogo abzumontieren. An der Scheibe hängt ein Zettel mit der Info: „Diese Filiale ist geschlossen.“ Es ist nicht der einzige Laden im Schultheiss Quartier, der leer steht. In den Gängen der Shopping Mall sind insgesamt 17 Läden mit bunten Plakaten abgehängt, auch im Food Court sind vier Räume verwaist. Nicht alle sind unvermietet, manche ziehen gerade in das Erdgeschoss um.
In den Geschäften ist am Montagabend gegen 18 Uhr wenig los. In mehreren Läden hält sich kein einziger Kunde auf. Vier Verkäufer aus unterschiedlichen Geschäften bestätigen, dass dies keine Ausnahme ist. „Seit wir hier eingezogen sind, ist der Umsatz stark zurückgegangen“, sagt eine Frau hinter der Kasse eines Bekleidungsgeschäftes. Vorher im Laden direkt an der Turmstraße seien die Kunden auf dem Weg zur Arbeit oder Schule öfter vorbeigekommen. Der Mall fehle hingegen die Laufkundschaft.
Das Einkaufszentrum eröffnete im August 2018 mit großen Erwartungen. Nach langem Leerstand hatte die Immobilienfirma HGHI das Gebäude der ehemaligen Schultheiss-Brauerei gekauft und umgebaut. Die Shopping-Mall sollte den Kiez aufwerten, schicker machen. Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) begrüßte das Projekt. Der „Berliner Morgenpost“ sagte er zur Eröffnung, er sei froh über das Center. Es bedeute „eine deutliche Attraktivitätssteigerung für den gesamten Bezirk, für den Ortsteil insbesondere“.
Doch schon damals standen Läden leer. Der Betreiber versprach in einem Interview mit dem RBB, bis zum Frühjahr des Jahres 2019 würden die noch freien Flächen vermietet sein. Das ist nun offensichtlich nicht der Fall. Auf Nachfrage des Tagesspiegels gibt der Investor Harald G. Huth eine neue Prognose ab. „So wie es derzeitig ausschaut, wird es voraussichtlich im Herbst nächsten Jahres keine oder maximal ein oder zwei freie Ladengeschäfte geben.“ Auf die Frage nach dem Leerstand und den Gründen dafür geht er nicht ein. Eine Antwort sei schwierig, weil das Center derzeit umgeplant und Läden umgebaut würden.
Nicht nur das Schultheiss Quartier hat Probleme. Das beobachtet die Ökonomin Sonja Hanisch von der Immobilienberatung Jones Lang La Salle SE. „Die Stadt verträgt keine weiteren Shopping Malls mehr“, sagt sie. Die Einkaufzentren würden sich gegenseitig die Kunden wegnehmen. Außerdem mache ihnen die Konkurrenz durch den Online-Handel zu schaffen. Stünden dann erste Läden leer, wird es für die Malls noch schwieriger, das Runder rumzureißen. „Jeder leere Laden bedeutet noch weniger Besucher-Frequenz“, sagt sie.
Einige Malls überlegen sich mittlerweile neue Konzepte. „Der Textilhandel hat nicht mehr dieselbe Wichtigkeit wie vor einigen Jahren“, sagt Hanisch. „Viele Kunden geben ihr Geld mittlerweile lieber für andere Dinge aus.“ Freizeit und Entertainment stünden zum Beispiel hoch im Kurs. Darauf reagieren Einkaufszentren. Die East Side Mall in Friedrichshain will Kunden nun beispielsweise mit Veranstaltungen anlocken.
Auch im Schultheiss Quartier wird nun neu geplant. „Wir ziehen bald in das Erdgeschoss um“, sagt die Verkäuferin eines Schuhgeschäfts. Für das Obergeschoss seien nun Büroflächen geplant. „Wir hoffen, dass dann wieder mehr Kunden kommen.“ – Text: Julia Weiss
Foto: HGHI Holding GmbH
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