Namen & Neues
Nachhaltige Mode in Mitte - Berlin als grüne Modehauptstadt
Veröffentlicht am 08.07.2020 von Julia Weiss
Die Mode der spanischen Marke Ecoalf kommt von der Müllkippe. Oder besser: aus der größten Müllkippe der Welt, dem Meer. Jedes Jahr landen dort laut Schätzungen zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll. Ecoalf holt einen Teil davon aus dem Wasser und produziert daraus T-Shirts, Pullover und Hosen. Kunststoffflaschen werden zunächst zu Flocken und Pellets verarbeitet. Daraus entsteht dann Polyestergarn, aus dem sich Kleidung weben lässt.
Vor zweieinhalb Jahren hat das Modelabel einen Laden in Mitte eröffnet. Hinter der Kasse steht in Großbuchstaben der Slogan „Because there is no planet B“ (Weil es keinen Planeten B gibt). Die Kleidung hängt an dünnen Stangen von der Decke. Die Räume sind hell und modern, und so sieht auch die Mode aus: bunte Daunenjacken, Sneaker und Sportkleidung. Stoffe und Schnitte unterscheiden sich auf den ersten Blick kaum von herkömmlicher Massenmode.
In Berlins Ecoalf-Shop in der Alten Schönhauser Straße hält auch regelmäßig die Green Fashion Tour Berlin. Die leitet die Gründerin des gleichnamigen Unternehmens Arianna Nicoletti. Sie ist selbst Designerin und hatte bis 2017 ihre eigene Modemarke Aluc.
„Nachhaltige Modelabels sind in den vergangenen Jahren in Berlin sehr erfolgreich geworden“, sagt sie. Viele hätten in günstigeren Lagen am Stadtrand angefangen und könnten sich mittlerweile Läden in Innenstadtlagen leisten. Marken wie Ecoalf kämen nach Berlin, weil Nachhaltigkeit zum Image der hippen und kreativen Stadt passe. 42 Adressen sind auf dem Stadtplan markiert, den Nicoletti bei ihren Touren verteilt. Darunter sind Hersteller von Schmuck, Kindermode, Schuhen, Taschen. Internationale Labels wie Ecoalf aus Spanien, deutsche Marken wie Wunderwerk aus Düsseldorf und Berliner Designer sind dabei.
Der Berliner Senat will diese Modelabels und Designer nun besser unterstützen. Geplant ist ein „Fashion Hub“ in Mitte. 600.000 Euro stehen dafür bereit. Die Idee: Ein Zentrum für Mode, in dem Designer ausstellen und zusammenarbeiten können. Denn eine Kollektion auf den Markt zu bringen ist aufwendig und teuer. 20.000 bis 30.000 Euro müssen vorfinanziert werden. Im Fashion Hub könnten Designer gemeinsam Stoffe bestellen, die Produktion und den Vertrieb organisieren – und so Geld sparen.
Initiiert wurde das Projekt 2015 von Nicole Ludwig, Grünen-Politikerin und Sprecherin für Sport und Wirtschaft im Abgeordnetenhaus Berlin. Nun bekommt die Idee eine neue Relevanz, denn abseits des Green-Fashion-Trends kriselt es in der Modestadt Berlin. Die Messen Premium und Neonyt haben ihren Wegzug von Berlin nach Frankfurt am Main verkündet. Und bereits vergangenes Jahr teilte die Wirtschaftsförderung Mitte mit, dass der Bezirk bei Modedesignern als Standort nicht mehr so beliebt sei.
„Die Modehauptstadt Berlin muss sich neu erfinden“, sagt Ludwig. Deshalb solle das neue Modezentrum vor allem nachhaltige Mode präsentieren. Die Coronakrise habe die Umsätze der Modebranche stark einbrechen lassen. Fünf Millionen Euro stünden nun aus dem Konjunkturpaket zur Verfügung, um sie zu unterstützen. Geht es nach den Grünen soll das Geld vor allem Firmen helfen, die nachhaltig und umweltschonend produzieren. „Wir wollen Berlin nach außen als Stadt für nachhaltige Mode darstellen, damit Labels und Einkäufer in die Stadt kommen.“ Das Fashion Hub könne eine solche Strahlkraft entwickeln, so die Hoffnung.
Doch hat die Grüne Mode überhaupt die nötige Zugkraft, um die „Modestadt Berlin neu zu erfinden“. Der Autor und Modeexperte Jörg Buntenbach ist skeptisch. „Grüne Mode ist immer noch eine absolute Nische“, sagt er auf Nachfrage. Ihr Anteil an den Umsätzen der Modeindustrie sei klein. „Für viele Menschen ist immer noch der Preis entscheidend. Und da greifen eben doch die meisten zum günstigeren T-Shirt.“
Trotzdem spiele Nachhaltigkeit in der Berliner Modebranche eine größere Rolle als in anderen Städten, hat der Experte beobachtet. „Berlin zieht Menschen an, die sich Gedanken darüber machen, wie sie leben. Überdurchschnittlich viele Designer legen hier Wert auf Nachhaltigkeit“, sagt Buntenbach. „Nachhaltigkeit wird in der Mode auf alle Fälle immer wichtiger.“
Die Berliner Modestadt zeichne sich durch ihre Kleinteiligkeit aus. Es gebe sehr viele unterschiedliche Designer und viele kleine Labels. „Große Modemessen wie die Premium sind für sie gar nicht so wichtig“, sagt Buntenbach. Für sie könne die Neugestaltung der Berliner Fashion also durchaus eine Chance sein, um sich in neuen Formaten zu präsentieren und etwas zu verändern.
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