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Algenplage und invasive Fische: Die Engelbecken-Verschwörung

Veröffentlicht am 17.03.2021 von Julia Weiss

Begleitet von Polizisten sind Männer vom Fischereiamt am Dienstag zum Engelbecken gekommen. Ihr Auftrag: Einen Teil der Fische aus dem Parksee in Berlin-Mitte holen. Als sie ihre Netze aus dem Wasser zogen, waren darin große, rote Fische zu sehen. Hybride, eine Mischung aus Goldfisch und Koi-Karpfen. Die gehören da eigentlich nicht rein, sie wurden ausgesetzt und vermehren sich seitdem. Um die Natur wieder ins Gleichgewicht zu bringen, will das Umweltamt Mitte abfischen. Doch dieser Plan verärgert Tierschützer:innen.

Im Park rund um das Engelbecken hat jemand Flugblätter von Peta verteilt. Darin kritisiert die Tierschutzorganisation das Töten von Tausenden von Fischen. Auch die hätten Gefühle wie Schmerz und Angst, ist darin zu lesen.

Laut Umweltamt Mitte ist das Abfischen allerdings unvermeidbar. Es steht nicht gut um das Engelbecken. An schönen Tagen sieht man das dem kleinen See nicht an. Schwäne treiben durchs Wasser, ein Fischreiher stakst am Ufer entlang. Schildkröten lassen sich die Sonne auf den Panzer scheinen. Aber unter der Oberfläche ist die Natur aus dem Gleichgewicht geraten: Im trüben Wasser vermehren sich Algen. Am Grund liegt eine dicke Schicht aus giftigem Schlamm, der Blei, Kupfer und polyaromatische Kohlenwasserstoffe enthält.

„Es kann sein, dass das Engelbecken im Sommer kippt“, sagt Nadine Pirch vom Umweltamt in Mitte auf Nachfrage. „Dann sterben alle Fische.“ Denn in dem künstlichen See ohne Ab- und Zuflüsse leben neben Goldfischen auch afrikanische Zwergwelse, Giebel und vor allem sehr viele Plötzen. Zusammen wiegen sie 1000 Kilo. Viel zu viele für das ein Meter tiefe und einen Hektar große Gewässer, sagt Pirch. Die Hälfte wäre verträglich. Die Fische fressen Wasserflöhe und kleine Krabben, die sich von Algen ernähren, erklärt die Expertin. Ohne sie vermehren sich die Algen. „Das Wasser ist stark phosphathaltig, der Sauerstoffgehalt sinkt.“

Diese Sätze kann die Biotop-Beauftragte nicht oft genug sagen. Denn über das Engelbecken sind seit vergangenem Sommer Verschwörungstheorien im Umlauf. Und in der Nachbarschaft ist ein regelrechter Informationskrieg ausgebrochen. Mittendrin steht Wieland Giebel, Autor und Gründer des Berlin Story Verlags. Er engagiert sich im Bürgerverein Luisenstadt, der sich für die Renaturierung des Sees einsetzt.

Der 71-Jährige blickt von seinem Bürofenster auf das Engelbecken und stört sich schon lange am schlechten Zustand des Gewässers, den dort ausgesetzten Schildkröten und Koi-Karpfen. „Von früh bis spät sehe ich Menschen, die Brot ins Wasser werfen“, sagt Giebel. „Das hat mit Tierliebe nichts zu tun.“ Dadurch vermehrten sich die Fische, das überschüssige Brot gammele am Grund.

Als im Sommer erstmals Männer vom Fischereiamt zum Engelbecken kamen, um den Fischbestand zu schätzen, stellte sich Giebel zu ihnen. Er habe sich über die weiteren Pläne informieren wollen. Und dann sei es losgegangen mit der „Engelbecken-Verschwörung“. Aus der Nachbarschaft wurden Flugblätter verteilt. Wieland Giebel hat sie auf seinem Blog veröffentlicht. „Alle Fische und Schildkröten werden getötet“, steht da. Und sogar junge Schwäne sollen „entsorgt“ werden.

„Alles Quatsch“, sagt Giebel, der nach seinem Gespräch mit den Männern vom Fischereiamt einigen als Drahtzieher der Verschwörung galt. Und auch Nadine Pirch vom Umweltamt erklärt: Nur Fische sollen getötet werden, die Schildkröten dürfen bleiben. Es handle sich um eine invasive Art, die aus dem abgeschlossenen Engelbecken zumindest nicht raus können. Das sei ein Vorteil. Zusätzlich sollen Raubfische, Hechte, eingesetzt werden, um das natürliche Gleichgewicht wiederherzustellen.

Die Tierschützer:innen fordern Alternativen zum Tod der Fische. „Statt Tausende Fische zu töten oder profitorientierten Züchtern zu überlassen, sollten beispielsweise biologische Reinigungsarbeiten stattfinden und auf eine dauerhaft verbesserte Sauerstoffzufuhr hingearbeitet werden“, heißt im Peta-Schreiben.

Die erwarteten Proteste am Dienstag blieben aus. Nur drei Menschen aus der Nachbarschaft hätten Fragen gestellt, sagt Pirch. Zuvor hatte das Bezirksamt bereits eine digitale Diskussion organisiert. Das habe die Gemüter beruhigt.

So richtig erfolgreich war die Aktion am Dienstag aber ohnehin nicht. „Weil das Wasser sehr kalt war, waren die Fische nicht aktiv“, erklärt Pirch. Deshalb seien nur 50 bis 100 Kilo ins Netz gegangen. Der Bestand müsse aber um 500 Kilo verringert werden. Wegen der anstehenden Laichphase wolle man es erst wieder im Herbst versuchen. Bis dahin sollen es die Hechte richten. – Text: Julia Weiss

+++ Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Mitte entnommen. Den gibt es in voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de

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