Namen & Neues
Den Osten Berlins mit Kunst einschließen
Veröffentlicht am 05.05.2021 von Anima Mueller
Das war der Plan von Kiddy Citny, als er 1985 damit begann, die Mauer von der West-Berliner Seite aus zu bemalen. Heute sind seine großflächigen Motive überall bekannt: zwei Herzen mit Gesichtern, die sich verträumt zulächeln. Eins für den Westen, eins für den Osten. Mauerstücke mit Citnys Werken sind in die ganze Welt verschickt worden, seine Gemälde wurden schon im Museum of Modern Art (MoMA) in New York ausgestellt. Vor dem Märkischen Museum kann man noch einen original „Königskopf“ von 1985 betrachten. Auch an vielen anderen Orten Berlins, zum Beispiel am Leipziger Platz, hat Citny seine Note hinterlassen. Jetzt kommt seine Malerei wieder in die Stadt: Das „Tor218 ArtLab“ will sie ab 3. Juni in der Ausstellung „Kiss the Future“ zeigen.
Mit dem ArtLab und Citny haben sich zwei gefunden. Galerist Andreas Lechner findet die Ausstrahlung von Citnys Werken besonders spannend: „Für mich steht er für Berlin, für den Aufbruch nach dem Mauerfall.“ Seine Kunst sei progressiv, habe etwas Heiteres und Ikonografisches – sie sei unverkennbar. „Er hat eine klare Linie und zu der steht er.“
Auch Lechner hat etwas Unverkennbares. Er war als Schauspieler lange am Berliner Ensemble tätig, ist Romanautor, Regisseur und ehemaliger Kunstauktionator. Kneipen hat er auch betrieben. Eigentlich ist er Kontrabassist aus München, ausgebildet am Richard-Strauss-Konservatorium. Heute spielt er kaum noch Musik, sagt er. Damals aber, mit seiner satirischen Volksmusik-Gruppe „Guglhupfa“, für die er auch die Texte schrieb, erregte er im konservativen CSU-Land einiges Aufsehen. „Wir waren junge Revoluzzer in Bayern und haben die biedere Volksmusik aufgespießt“, sagt er. Franz Josef Strauß gefielen die satirischen Texte gar nicht – er klagte gegen die Gruppe, wenn auch erfolglos. Heute würde das nicht mehr passieren, glaubt Lechner. „Die CSU war lernfähig und hat gemerkt, dass sie die Gruppen so nur berühmt macht.”
In München wurde es Lechner zu eng. Kam in der Hauptstadt dann die große Freiheit? „Nach dem Mauerfall konnte sich Berlin in einer Turbo-Geschwindigkeit noch mal neu erfinden”, sagt er. Ein guter Platz für seine Galerie, die gleichzeitig eine Bar ist. Eher gemütlicher Kunstsalon als Ausstellungsraum mit weißen Wänden. Es gibt einen Außenbereich, der im Sommer auch für Performances genutzt werden soll. Das Haus gehöre den Erben des Malers Max Beckmann, sagt Lechner. Wichtig war die richtige Mischung: „Ich wollte keine Bar, die auch Kunst an der Wand hat, sondern eine Galerie, in der es gute Drinks gibt.”
Die hat er jetzt – nur kann sie, wie so viele andere Räume, zurzeit nicht öffnen. Der 3. Juni als Starttermin für die Kiddy-Citny-Ausstellung ist daher auch ein vorläufiger. Einmal haben er und seine Kollegin, die Kuratorin Annalena Amthor, den Termin bereits verschoben. Ursprünglich war der 20. Mai geplant. Jetzt hängt alles davon ab, wie sich die Corona-Lage entwickelt. Da die Räume eher klein sind, dürfen unter den aktuellen Regeln kaum Menschen hinein. Das wird dem Ambiente und dem Anspruch der beiden aber nicht gerecht: Besucher*innen sollen die Kunst genießen und bei einem guten Getränk miteinander ins Gespräch kommen. Zum Glück ist die Miete günstig, sodass die Finanzierung gesichert ist. Auch die Überbrückungshilfen tragen dazu bei. Um die freie Szene macht Lechner sich aber Sorgen: „Der ganze Wildwuchs, der wichtig ist, der Humus und Biotop für alles ist, der verschwindet.” Er will aber weiter machen. Zur Not wird der Termin so lange verschoben, bis es wieder geht. „Aufgeben werden wir nicht.“