Kiezgespräch

Veröffentlicht am 25.07.2018 von Fabian Schmidinger

Es ist einige Zeit vergangen, seit ich das letzte Mal im Soldiner Kiez unterwegs war. Eine alte Freundin hat mich nun auf einen Kiezspaziergang eingeladen. Es habe sich viel verändert, sagt sie, „unser Kiez befindet sich gerade mitten im Prozess der Gentrifizierung“. Der Soldiner Kiez? Eine der, wie ich finde, dunkelsten und unsympathischsten Ecken Berlins? Prügelnde Jugendliche auf der Straße, häufige Polizeieinsätze, Flugzeuge im TXL-Landeanflug, die Alkoholiker vor Norma: das gehört hier zum Alltag. Gleichzeitig strahlen die Menschen eine hohe Selbstverständlichkeit aus: Wer hier lebt, identifiziert sich mit seinem Kiez. Ich will mir die Lage anschauen und herausfinden: Wie gehen die Bewohner des Kiezes mit den Veränderungen um?

Die Soldiner Straße hat einen konstanten, „sehr niedrigen Status“,  wie es sich im kürzlich veröffentlichten Monitoring Soziale Stadtentwicklung des Senats nachlesen lässt. Die Kinderarmut liegt bei 68,8 Prozent (im Berliner Durchschnitt sind es knapp unter 30 Prozent). Die Zahl der Menschen, die von Hartz IV leben, ist zwar leicht gesunken, doch es sind immer noch sehr viele. Taylan Kurt, Bezirksverordneter der Grünen, bezweifelt in seinem Beitrag im Weddingweiser über den leichten Rückgang der Sozialhilfeabhängigen, „dass dies ausschließlich der guten wirtschaftlichen Lage in Berlin geschuldet ist oder ob nicht eher ein erheblicher Anteil des Rückgangs durch den ‘Faktor Verdrängung durch steigende Mieten‘ bedingt ist.“

Einige Häuserfassaden sind von Gerüsten verdeckt. Auch das Haus meiner Freundin ist betroffen: „Unser Haus soll energetisch saniert werden und bekommt eine Dämmung. Da kommt eine Mieterhöhung auf uns zu, gegen die wir nichts machen können.“ Und das, obwohl der Kiez seit Ende Juni als Milieuschutzgebiet ausgeschildert ist, um die niedrigen Mieten zu sichern. Berlin sei nun mal eine wachsende Stadt, sagt Cornelia Cremer vom Quartiersmanagement: „Steigende Nachfrage auf dem Immobilienmarkt ist auch hier im Kiez die stadtökonomische Konsequenz.“ Sie findet schade, dass für Verdrängung oft das Quartiersmanagement verantwortlich gemacht wird, „denn ganz ehrlich, schön finde ich das selbst nicht.“ Das Quartiersmanagement sei ja in erster Linie für Aufbau eines sozialen Netzwerkes verantwortlich und möchte die Menschen im Kiez unterstützen.

Außer einem leicht angetrunkenen Mann, der seinen Kumpel am anderen Ende des Telefons anschreit, er möge sein Leben endlich selbst auf die Reihe bekommen und vielleicht weniger saufen, ist eigentlich alles ganz ruhig und freundlich in der Soldiner Straße. Vor einem Friseurladen komme ich mit Serdar ins Gespräch. Er meint, die Kriminalität und die Stimmung im Kiez heute sei nicht zu vergleichen mit dem Zustand vor 20 Jahren: „Damals hab ich es nicht mehr ausgehalten mit den Clans und Gangs und bin weggezogen. Ich musste raus hier.“ Hier aufzuwachsen hätte aber auch seine Vorteile gehabt: Er kenne noch heute viele Türsteher, sagt er lachend.

Gegenüber hat eines der neuen „Hipster-Cafés“ aufgemacht. Tatsächlich, auf den ersten Blick entspricht das „Baobab“ dem Klischee: Junge Studenten sitzen auf Vintage-Polstermöbeln vor Laptops, auf der handgeschrieben Menütafel kann man auswählen zwischen Bio-Kaffee und ungarischem Craft-Beer. Die Inhaberin Györgyi ist Ungarin und wohnt seit drei Jahren mit Mann und Kind in der Soldiner Straße. Mit der Eröffnung des Cafés habe sie sich einen Lebenstraum erfüllt. „Klar gab’s am Anfang Probleme, zum Beispiel mehrmals Graffiti an der Hauswand. Aber wir haben mit den Leuten geredet und inzwischen kommt das nicht mehr vor.“

Auf einer Art Wandteppich steht durch die Metapher des Baobab, dem afrikanischen Affenbrotbaum, die Bestimmung des Cafés geschrieben: „Bewohner des Soldiner Kiezes, ich schenke euch meinen Schatten.“ Das Baobab versucht, den Menschen im Kiez einen Ankerpunkt zu geben. Sportvereine aus der Nachbarschaft oder auch das Quartiersmanagement halten hier mittlerweile ihre Sitzungen ab.

Gerade als ich meinen Cappuccino ausgetrunken habe und aufstehen will, fährt ein Junge mit einem Lidl-Bike haarscharf an mir vorbei, mir entrutscht ein mittellautes „Ey!“. Das hätte ich lieber nicht sagen sollen, denke ich mir, vor allem, weil der Junge stehen bleibt, zwei Freunde um sich versammelt und mich provozierend fragt, ob ich denn nicht aufpassen könne. Meine Gegenfrage lautet: „Woher hast du das Lidl-Bike?“ Ich frage mit der Unterstellung, dass er das Fahrrad geklaut hat. Von verschiedenen Seiten wurde mir berichtet, dass Leihfahrräder schnell und einfach geknackt werden können und so immer öfter in privaten Besitz übergehen.

Nach einer kurzen Erklärung und meiner Versicherung, kein Polizist zu sein, erklärt mir der Junge – er heißt Farid und ist 13 Jahre alt – bereitwillig, wie einfach die Schlösser aufzubrechen sind. Prahlerisch erzählt er von 12 Ofo-Bikes, die er im Innenhof stehen hatte, bis die Polizei einen seiner Kumpels erwischte. Dann wurde es ihm zu gefährlich: „Die kennen mich schon bei der Polizei. Ich darf mir nichts mehr erlauben.“ Auch einen präventiven Besuch im Jugendknast hat er schon hinter sich. Kiffen und Rauchen habe er gerade wieder aufgehört. Der 13-Jährige Farid redet wie ein 25-Jähriger.

„Das ist hier alles mein Zuhause, mein Wedding“, sagt er und deutet mit ausgebreiteten Armen über die Straße. Noch also wissen die Jungs von der Straße, wie sie die Gentrifizierung austricksen können. Doch ohne die wirksame Unterstützung der Politik werden sich einige Familien die Mieten hier bald nicht mehr leisten können. Wie schwierig es für die Gesellschaft erst wird, wenn die von Armut betroffenen Menschen in die Peripherie der Stadt verdrängt werden und sich dort abgeschottete Vorstädte bilden, sieht man etwa am Beispiel der Banlieues von Paris.

(Die Namen der Protagonisten wurden geändert.)

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