Kiezgespräch

Veröffentlicht am 15.01.2020 von Laura Hofmann

Den Opfern einen Namen geben, sie „der Vergessenheit entreißen“: 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz informiert das neue Dokumentationsportal „Sub-Camps of Auschwitz“ über die vergessene Geschichte der Außenstellen rund um die zentralen Lager. In über 40 „Satellitenlagern“ wurden in den Jahren zwischen 1943 und 1945 zehntausende Häftlinge zur Zwangsarbeit festgehalten. Ihre Schicksale sollen nun sichtbar werden.

In einem System aus Außenlagern rund um die Hauptlager Auschwitz, Auschwitz-Birkenau und Auschwitz-Monowitz wurden jüdische und nicht-jüdische Häftlinge aus ganz Europa zur Arbeit in Minen, Stahlwerken und der Landwirtschaft gezwungen. Die hohe Belastung sowie die katastrophalen Bedingungen vor Ort endeten für die Opfer nicht selten im Tod: Kranke oder körperlich beeinträchtigte Häftlinge wurden aus den Arbeitslagern zur Ermordung zurück in die zentralen Lager deportiert. Heute sind die meisten Spuren der Satellitenlager verschwunden, eine historische Aufarbeitung fand kaum statt. Mit dem Dokumentationsprojekt sollen die Geschichten der Außenlager ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden.

Hinter der Aktion steht der Verein „Tiergarten4Association“: Dieser hatte zuvor bereits maßgeblich zur Forschung zu den nationalsozialistischen Euthanasie-Verbrechen beigetragen. Für ihre Recherche fuhren die Initiatoren Cameron Munro und Artur Hojan († 2014) mehrere Jahre lang durch Polen und Tschechien, sammelten Informationen zu den genauen Standorten der Lager, skizzierten Pläne, fotografierten Überreste und Ruinen. In Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau gelang es ihnen, die Arbeitgeber der Häftlinge zu identifizieren und Einzelschicksale der Opfer nachzuzeichnen.

„Vorher hat sich noch niemand die Mühe gemacht, diese unglaubliche Menge an Informationen zusammenzutragen“, sagt Adam Kerpel-Fronius von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, die die Initiative als Projektpartner unterstützt. „Dabei waren es vor allem deutsche Firmen, die die Häftlinge ausbeuteten.“ Darunter die I.G. Farben, die Reichswerke Hermann Göring oder die Energie Versorgung Oberschlesien AG.

Auf der am Dienstag veröffentlichten Webseite werden diese Unternehmen aufgeführt, ebenso wie die Namen der Überlebenden. Mithilfe von Karten, Befehlsdokumenten und Originalberichten skizziert die „Tiergarten4Association“ die Geschichte aller 44 Lager. Besonders eindrücklich sind die Fotografien, auf denen der Zustand der Fabriken und Werke festgehalten wird: Originalbildern der SS werden Fotos aus der heutigen Zeit gegenübergestellt. Von den Gebäuden sind oftmals nur noch Ruinen erhalten, bisweilen erinnern nur einzelne Zaunpfähle an das Schrecken der Lager.

Für jeden der Orte wird zudem die Form des Gedenkens aufgeführt, die an die Geschichte der Lager erinnert. Mal sind es steinerne Monumente, mal Tafeln, mal ein Grabstein. Für 19 Lager konnte jedoch kein Hinweis auf Orte der Erinnerung gefunden werden. Mit der Internetseite ist daher nun ein virtueller Gedenkort entstanden. Denn, das sagt Kerpel-Fronius: „Die Geschichten sollten nicht in Vergessenheit geraten.“

Diesen Beitrag hat Lotte Buschenhagen verfasst, sie ist Praktikantin bei Tagesspiegel „Leute“ und „Checkpoint“.

75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung von Auschwitz suchen wir auch Gedenkorte – in den Berliner Kiezen. In Mitte gibt es natürlich viele prominente Orte des Erinnerns, wir würden aber gerne wissen, welche Sie aufsuchen, welche Ihnen wichtig sind und warum. Es kann auch ein Haus sein, vor dem außergewöhnlich viele Stolpersteine liegen. Ende Januar stellen wir diese Orte in den Leute-Newslettern, auf tagesspiegel.de und in der gedruckten Zeitung vor. Schreiben Sie mir einfach eine Mail.

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Die weiteren Themen diese Woche: 

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