Kiezgespräch

Veröffentlicht am 18.03.2020 von Julia Weiss

Berliner Restaurants trifft die Corona-Krise hart. Sie dürfen zwar täglich bis 18 Uhr geöffnet haben, doch die Gäste bleiben oft aus. Meine Kollegin Ingrid Müller hat sich mit Zihir Khan unterhalten. Er hat am vergangenen Sonntag sein erstes eigenes Restaurant in Moabit geöffnet. Ungünstiger hätte der Termin kaum liegen können.

Ausgerechnet am Sonntagmittag, Schlag 12 Uhr, hat Zihir Khan sein neues Restaurant „Ajwa“ eröffnet – gerade als sich Berlin anschickt, die soziale Distanzierung ernst zu nehmen. Die Kneipe an der Ecke, die sonst immer offen hat, ist schon seit dem Abend vorher dicht. Restaurants dürfen noch offen sein. Pakistanische und indische Spezialitäten will der 35-Jährige anbieten, der ursprünglich aus Gujarat in Pakistan stammt, in der Küche steht ein Koch aus Indien. Hier in der Bochumer Straße soll sich nach 21 Jahren in Berlin sein Traum von der Selbständigkeit erfüllen. Doch erst einmal sitzt er allein mit zwei Bekannten, die ihm helfen wollen, im Lokal. Am Abend vorher hatten sie noch letzte Hand angelegt. „Ich muss wenigstens einmal aufmachen“, sagt Khan. Schließlich habe er das auf die Flyer geschrieben, die er überall im Viertel verteilt hat.

Was in den nächsten Tagen sein wird? Der schmale Mann zuckt mit den Schultern. Eine Palme und drei Sterne umrahmen den Firmennamen, der in grünen Lettern jetzt in der früheren „Ambar“ in der Bochumer Straße Kunden anziehen soll. Auf den Tischen grüne Tischdecken, Kerzenhalter aus Porzellan. Noch stehen die Tische recht eng beieinander. „Wenn die Information kommt, stellen wir sie weiter auseinander“, sagt der neue Chef am Sonntag.

Bisher habe er als Kellner gearbeitet, zehn Jahre in der „Kartoffelkiste“ im Europacenter. Vor zwei Jahren hat er den Plan zur Selbständigkeit gefasst, erzählt er am vor dem Restaurant. Vor zwei Monaten habe er dann dieses Lokal übernehmen können. Dass der Anfang sehr schwierig werden würde, hat er in den vergangenen Tagen bereits bei seinem Bruder ahnen können. Der führt seit sechs Jahren das „Madi“ in der Prinzenallee im Wedding, wie Khan erzählt. Dort sei die Zahl der Gäste bereits ziemlich zurückgegangen, Ältere kämen gar nicht mehr. „Das können wir nicht ändern.“ Aber, sagt Khan: „Ich glaube an Gott.“ Und er fügt hinzu: „Wenn heute jemand kommt, ist es mein Glück. Wenn heute keiner kommt, ist es auch mein Glück.“

Nachmittags saßen dann doch ein paar neugierige Gäste im „Ajwa“. Und auch am Montag hat Khan wieder aufgemacht. Rötliches Licht scheint auf die Straße hinaus, der Restaurantname leuchtet in die Nacht hinaus. Allerdings bleiben offensichtlich die meisten Moabiter daheim. Khan steht allein hinter dem Tresen. Er hat sich vorgenommen, optimistisch zu bleiben. Schwierig sei im Leben gar nichts, fügt Khan hinzu: „Man muss nur ein großes Herz haben.“

Text: Ingrid Müller