Nachbarschaft

Veröffentlicht am 01.12.2017 von Laura Hofmann

Fritz Schaap, 1981 in Berlin geboren, ist Journalist und Buchautor. Als Reporter, unter anderem für den Spiegel, die Zeit, das SZ-Magazin oder die NZZ, reist er durch den Nahen Osten und Nordafrika und erzählt vom Leben jenseits der Fernsehbilder: von Kriegstouristen an der syrischen Grenze, „Heiligen Trinkern“ in Gaza und einer Salafistenschule, die er undercover besucht. All diese und mehr Geschichten vereint er in seinem Buch „Hotel Istanbul“, das vor Kurzem erschienen ist. Ich verlose drei signierte Exemplare. Schicken Sie dafür eine E-Mail mit dem Betreff „Hotel Istanbul“ an mitte@tagesspiegel.de.

Hier ein kleiner Vorgeschmack:

So kam es, dass ich etwa drei Monate später bei Bashir einzog und alles seinen Gang nahm. Die drei Monate hatten wir meist gemeinsam auf Partys in Zamalik verbracht, im Royal Mohamed Ali Club in Gizeh, wo Bashir gerne am Pool saß und las, oder im Hurreya, erst ich und später er mit Laila. Dann war ich pleite und fürchtete, mir die Wohnung ohne Max, der vorhatte, schon bald nach Damaskus weiterzuziehen, endgültig nicht mehr leisten zu können.

Ich war ein letztes Mal morgens in Zamalik aufgestanden, war an der Küche vorbeigelaufen, hatte die Dose mit Insektenvernichtungsmittel genommen, hatte eine halbe Minute den kleinen Raum mit Chemie vollgepumpt, war duschen gegangen, hatte die toten Kakerlaken zusammengefegt und mir ein paar Eier gemacht. Ich hatte mich von Max verabschiedet und war die zehn Stockwerke nach unten gelaufen, war über einen Haufen stinkender Fischköpfe unter einem Schwarm Fliegen gestiegen, war über einen Hammelkopf gesprungen, der ausgekocht vor einer Tür lag, da der Fahrstuhl, wie immer, kaputt war.

Vor der Tür versuchte ein kreischender Mob, eines Jungen habhaft zu werden, der die Straße hinabraste, als ginge es um sein Leben. Als sie ihn eingeholt hatten, wurde mir klar, dass es genau darum gegangen war. Sie verprügelten ihn so lange, bis ein fetter Polizist aus dem Wachhäuschen vor der Bank einen Block weiter herübergelaufen kam. Er brüllte auf den Mob ein, ohne allerdings seinen Schritt zu beschleunigen. Es herrschte ein bedrohliches Chaos auf der Straße, und ich war froh, als der Taxifahrer endlich losfuhr.

Foto: Sergio Ramazzotti

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de