Unter Nachbarn

Veröffentlicht am 12.01.2018 von Melanie Berger

Michael Schlese (53) leitet seit dem 1. Januar das Sozialamt in Mitte. Mit rund 250 Beschäftigten und einem Finanzvolumen von rund einer halben Milliarde Euro ist es das größte Sozialamt Deutschlands. Felix Hackenbruch hat mit ihm gesprochen.

Herr Schlese, Sie konnten sich bereits seit dem 1. Oktober des letzten Jahres mit Ihrem Vorgänger Hermann Heil zusammen einarbeiten. Wo sehen Sie die größten Baustellen für 2018? Da gibt es mehrere. Wie in der Vergangenheit müssen wir weiter den Leistungsmissbrauch durch kriminelle Pflegedienste bekämpfen. Auch die Eingliederungshilfe, deren Weiterentwicklung im neuen Bundesteilhabegesetzt geregelt ist, fordert uns. Wir betreuen in Mitte mehr als 3000 Klienten mit Eingliederungshilfe, die gelten jetzt nicht mehr automatisch als Sozialhilfeempfänger. Sie sollen besser am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Im Bereich des E-Government wollen wir im Internet präsenter werden, die elektronische Aktenführung einführen und den Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen erleichtern. Bürgerinnen und Bürger sollen zum Beispiel nicht mehr wegen jedem Antrag auf die Ämter müssen. Eine große Herausforderung stellt auch die Unterbringung und Integration von Geflüchteten dar; der Bezirk Mitte betreut rund 7000 Personen. Hinzu kommen noch weitere 2000 von uns betreute Wohnungslose, die zum großen Teil auch einen Migrationshintergrund haben.

In Ihre Zuständigkeit fällt auch die Obdachlosenhilfe. Wie wollen Sie die Zustände im Tiergarten verbessern? Wir reden hier von Straßenobdachlosigkeit. Diese betrifft wohnungslose Personen, die in der Regel nicht vom Sozialamt direkt betreut werden. Wir sind nicht das Ordnungsamt, das für Recht und Ordnung sorgt. Wir stellen aber zum Beispiel Kältehilfeplätze bereit. Von den berlinweit etwas über 1000 Betten stellt der Bezirk Mitte rund 400 bereit. Bis jetzt reicht das aus und wir sind nicht voll ausgelastet. In den vergangenen Jahren war das anders. Eine Verbesserung der Situation im Tiergarten ist schwierig, denn hier handelt es sich auch um viele Obdachlose mit Migrationshintergrund, vor allem aus Polen. Diese Menschen wollen oft nicht raus aus der Obdachlosigkeit, sondern sie nutzen unsere sozialstaatlichen Strukturen und die Angebote gemeinnütziger Träger.

Ein anderes Problem ist die Kinderarmut im Bezirk. Stimmt, Alters- und Kinderarmut sind Probleme. Leider haben wir zum Beispiel eine kontinuierliche Steigerung in der Beantragung von Grundsicherungsleistungen. Dabei haben wir innerhalb des Bezirks große Niveauunterschiede. Vor allem in Wedding, Gesundbrunnen und Moabit West haben wir viele von Armut bedrohte Familien. Um die kümmern wir uns auch zusammen mit dem Jugendamt.

Was wünschen Sie sich für 2018? Im vergangenen Jahr ist uns die Wohnungslosigkeit auf die Füße gefallen – gerade im Tiergarten ist das sichtbar geworden. Da würde ich mir wünschen, dass die Impulse der letzten drei Monate aus den Bezirken im Senat genutzt werden. Das darf kein Strohfeuer bleiben.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de