Nachbarschaft

Veröffentlicht am 16.03.2018 von Felix Hackenbruch

Im Harz aufgewachsen, kam Annika Klose 2011 für ihr Studium nach Berlin. Für die Jusos in Mitte war sie zunächst stellvertretende Kreisvorsitzende, seit 2015 Landesvorsitzende. Am Freitagabend wurde die 25-Jährige wiedergewählt.

Frau Klose, Sie gelten als entschiedene GroKo-Gegnerin. In dieser Woche hat nun genau diese Koalition ihre Arbeit aufgenommen. Warum wollen Sie sich trotzdem weiter in der SPD engagieren? Zu einer Demokratie gehört es, dass man Mehrheitsentscheide wie den der SPD-Basis akzeptiert. Trotzdem will ich mich für eine solidarische Gesellschaft einsetzen. Das geht nur mit einer linken Politik und einer linken SPD. Dafür und im Sinne des Erneuerungsprozesses meiner Partei bringt es nichts, jetzt den Kopf in den Sand zu stecken.

In Mitte, einem alten Arbeiterbezirk, stellt die SPD nicht mehr den Bürgermeister und ist bei der Bundestagswahl hinter der Linken und der CDU nur noch drittstärkste Kraft geworden. Warum? Die SPD hat bundesweit ein Glaubwürdigkeitsproblem, das sich auch im Bezirk niederschlägt. Gerade durch die Agenda- und Privatisierungspolitik wurde viel Vertrauen verspielt, auch bei Arbeiterinnen und Arbeitern in Wedding und Gesundbrunnen. Das müssen wir uns mit einer linken Sozialpolitik wieder zurückerobern.

Zum neuen Kabinett gehört auch die Neuköllner Bürgermeisterin Franziska Giffey, die Sie zuletzt für Ihre Law-and-Order-Politik kritisierten. Wie wollen Sie Brennpunkte wie den Alexanderplatz oder den Tiergarten befrieden? Es muss darum gehen, die Probleme zu lösen, statt sie mit harten Repressionen zu verdrängen. Die Probleme sind ja sozial gemacht. An diesen Brennpunkten sind Menschen, die sozial bedroht sind und Brüche in ihren Biografien hatten. Für diese Menschen müssen wir Perspektiven schaffen, zum Beispiel durch sinnvolle Bildungs- und Beschäftigungsangebote. Die Menschen dürfen nicht in den Niedriglohnsektor gedrängt werden. Ein anderes Beispiel: Drogenabhängigen hilft es nicht, wenn man nur die Polizei ruft. Wir brauchen ein Netz aus Betreuung und Beratung, da kann man auch auf Bezirksebene viel machen.

Juso-Chef Kevin Kühnert bringt sich als Verordneter in der Bezirksverordnetenversammlung in Tempelhof-Schöneberg genau auf dieser Bezirksebene ein. Warum Sie nicht? Um die BVV-Arbeit gut zu machen, braucht man viel Zeit, die ich durch meinen Vollzeit-Job und das Amt der Landesvorsitzenden der Jusos kaum habe. Ich habe höchsten Respekt vor Kevin, wie er das alles unter einen Hut bekommt. Langfristig würde ich das für mich nicht ausschließen, auch wenn ich mich noch stärker in der Landespolitik sehe.

Sie kommen aus einer Kleinstadt im Harz. Welche Erfahrungen nimmt man da für die politische Arbeit in einer Großstadt mit? Man hat eine andere Perspektive – nicht nur für die Arbeit in Mitte. Wer wie ich auf dem strukturschwachen Land aufgewachsen ist, weiß wie wichtig infrastrukturelle Anbindungen und Jugendangebote für die soziale Kompetenz von jungen Menschen sind. Für die Randbezirke gilt das übrigens noch viel mehr. An Mitte fasziniert mich aber auch immer wieder diese unfassbare Diversität. Im Wedding wohnen Arme neben Reichen, Deutsche neben Migranten. Wie unter einem Brennglas finden wir hier alle Widersprüche mit denen unsere Gesellschaft konfrontiert wird.

Foto: Jusos Berlin/Lea Gronenberg

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de

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