Nachbarschaft

Veröffentlicht am 29.06.2018 von Laura Hofmann

Katja von der Bey ist im Vorstand der WeiberWirtschaft in der Anklamer Straße tätig.

Frau von der Bey, Sie haben Marlies Krämer gerade zur Namenspatin für einen Ihrer Konferenzräume gemacht. Die 81-Jährige kämpft vor Gericht gegen ihre Sparkasse, weil sie als Kontoinhaberin und Kundin angeschrieben werden will. Warum haben Sie sich für sie entschieden? Das Problem mit der Sprache kennen wir vor allem aus der Gründungsförderung und wissen genau, dass sich Frauen eben nicht automatisch „mitgemeint“ fühlen, wenn von Gründern und Unternehmern die Rede ist. Marlies Krämer hat die Bedeutung von Sprache für die Geschlechtergerechtigkeit endlich durch ein modellhaftes Gerichtsverfahren zum Gesprächsthema in ganz Deutschland gemacht. Deshalb ist sie eine unserer Heldinnen!

Was macht die WeiberWirtschaft eigentlich genau? Die WeiberWirtschaft entstand aus der Berliner Frauenbewegung der 80er Jahre, um Benachteiligungen von selbständigen Frauen durch eine eigene solidarische Unterstützungsstruktur von Frauen für Frauen auszugleichen. Das hat tatsächlich geklappt, heute sind wir eine Frauengenossenschaft mit fast 2000 Mitgliedern und Eigentümerin des größten Gründerinnen- und Unternehmerinnenzentrums in Europa. In unserem Gewerbehof in Berlin-Mitte sind rund 65 Unternehmen in Frauenhand angesiedelt, außerdem gibt es hier jede Menge Unterstützungsangebote für Frauen, die sich selbständig machen möchten, von der Orientierungsberatung bis zum Mikrokredit.

Wo sehen Sie heute die größten Baustellen bei der Gleichstellung in Deutschland? Kulturell und gesellschaftlich spielt das Geschlecht eine riesengroße Rolle, leider meist unsichtbar und für Frauen fast immer zum Nachteil: Der Mann gilt als der Normalmensch und die Frau ist irgendwas mit Gender. In unserem Bereich Wirtschaft und insbesondere Unternehmensgründung sind die Bretter noch ziemlich dick. Wir versuchen immer deutlich zu machen, dass die allermeisten Angebote bereits heute geschlechtsspezifisch aufgesetzt sind, nämlich passgenau auf die typischen Bedarfe von männlichen Gründern zugeschnitten. Also profitieren Frauen weniger davon und gründen z. B. kleinere Unternehmen. Weil sie kleinere Unternehmen gründen, werden sie nicht so ernst genommen. Da beginnt der Kreislauf von vorne. Solange das so ist, braucht es Organisationen wie die feministische WeiberWirtschaft und Heldinnen wie Marlies Krämer!

Foto: Anke Großklaß

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de

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