Nachbarschaft

Veröffentlicht am 05.09.2018 von Laura Hofmann

Hajo Toppius und Lea Grönholdt sind Teil des Veranstaltungsteams vom Festival für selbstgebaute Musik im Zentrum für Kunst und Urbanistik in Moabit.

Instrumente aus Gemüse bauen und eine Gymnastikballorgel bespielen – klingt abenteuerlich. Was ist die Idee hinter eurem Festival für selbstgebaute Musik? 

Toppius: Seit sieben Jahren gibt es schon das Festival und es hat sich ganz langsam zu dem entwickelt, was es heute ist. Konzerte und Workshops in Moabit, bei denen wir mit den unterschiedlichsten Menschen, Instrumente und musikalische Installationen gebaut haben, machen wir schon länger. Jetzt versuchen wir auf dem wunderbar vielfältigen Gelände des ZK/U den Spagat zwischen ‚einfachen‘ Instrumentenbauworkshops für Kinder und der Instrumentenausstellung mit vielen bekannten Musikern zu schaffen. Wir kommen selbst musikalisch aus einer Ecke, in der wir immer viel mit Klängen experimentiert haben und uns die Instrumente, die wir nicht hatten, selbst gebaut haben. Auf diesen Grundlagen ist das Festival und das ganze Netzwerk „Selbstgebaute Musik“ entstanden. Nicht nur als Event, sondern auch als Forschungsprojekt, bei dem wir mit Kindern, Künstlern und allen Besuchern die Möglichkeiten von Selbstbau und ‚DIY‘ erforschen wollen.

Grönholdt: Musik oder Musikinstrumente aus Gemüse haben wir eigentlich jedes Jahr dabei, im letzten Jahr sogar ein ganzes Gemüseorchester mit Musikern aus Polen, die vorher zusammen mit den Teilnehmern die Instrumente geschnitzt haben. Bei Karl Heinz Jerons Fresh Music for Rotten Vegetables werden aus altem Obst und Gemüse Töne erzeugt. In diesem Jahr wird Johannes Zillhardt, ein Musikpädagoge aus Moabit, Instrumente aus Mohrrüben und Bambus schnitzen oder Kasia Justka auf ihrer singenden Küche einen Eintopf-Song performen. Den Musikern geht es dabei besonders um die Umnutzung oder Weiterverwertung von alten Lebensmitteln und darum eine andere Perspektive zu vermitteln.

Mal ganz praktisch: Wie lässt sich denn aus alten Fernbedienungen ein Beat erzeugen? Toppius: Ganz ehrlich: Keine Ahnung – zumindest nicht im Detail. Das machen von uns eingeladene Künstler. Wir sind nicht nur die Experten , sondern können uns zusammen mit dem Publikum auf die vielfältigen Möglichkeiten darauf freuen, was aus den unterschiedlichsten Materialien für lustige, tolle und schräge Musik gemacht werden kann. Es gibt eine große Szene von Bastlern in Berlin, die in Ihrer Garage bauen oder andere, die mit einer größeren Öffentlichkeit spannende musikalische Projekte entwickeln. Unsere Aufgabe ist es, sie alle zu finden und ihnen bei unserem Festival eine Plattform zu geben.

Klingt ziemlich analog alles. Wollen Sie mit dem Festival bewusst einen Gegenpunkt zur digitalen Gegenwart, in der sich ja auch schon die Kleinsten bewegen, setzen? Toppius: Ja, auch! Das ist zwar nicht der vordergründige Antrieb, aber eine wichtige Begleiterscheinung. Sichtbarkeit spielt auch ein große Rolle, damit man sieht, wie die Klänge erzeugt werden. Das ist in der elektronischen Musik schade, dass keiner sehen kann, wo die Musik eigentlich herkommt.

Grönholdt: Dinge mit den eigenen Händen zusammenzubauen und mit Materialen umzugehen ist super. Das erzeugt eine ganz andere Beziehung zu dem erzeugten Ton. Gerade bei Kindern existiert diese Faszination, wenn sie ihr frisch gebasteltes Instrument bespielen und auf Anhieb ein Ton rauskommt.

Was erwartet die Besucher neben Workshops zum Selberbauen noch? Toppius: Es gibt eine Ausstellung mit Instrumenten von verschiedenen Künstlern, zum Beispiel die Harfen von der Band Hans Unstern, eine Art Sample-Box mit ganz kleinen Kugelschreiberfedern von dem Gitarristen F.S. Blumm oder auch viel größere und ältere Instrumente von den legendären Einstürzenden Neubauten, die den Ansatz perfektioniert haben, sich einfach Objekte von Schrottplätzen zu suchen und damit Musik zu machen!

Grönholdt: Außerdem gibt es zahlreiche Konzerte und Performances, zum Beispiel die demokratische Orgel von Club Real oder den Auftritt von Mothers of God, die auf alten Nähmaschinen schräge Beats erzeugen. Cool ist auch das Blac Blob Kollektiv, die ein Mitmachkonzert auf ihren installativen Instrumenten anbieten, bei dem sie mit den traditionellen Konzert- oder Orchesterformen brechen wollen. Ganz besonders freuen wir uns auf den Auftritt des Junior Jazz Orchesters, die auf von uns entwickelten Instrumenten zum 100-Jährigen Bauhausjubiläum spielen werden.

Kommt ihr selbst aus Moabit und warum ist das ZK/U der richtige Ort für das Festival? Toppius: Nein, unsere Gruppe ist in Friedrichshain beheimatet. Aber wir arbeiten schon sehr lange in Moabit und haben zum Beispiel in den letzten Jahren sehr viel mit dem Ottospielplatz zusammen gearbeitet, mit dem wir immer noch viel machen und wo eine große Installation von uns steht. Das ZK/U ist für uns ein passender Ort, weil der Ansatz dem unsrigen sehr entspricht: die enge Verbindung von Kunst und Nachbarschaftsarbeit. Uns war und ist es immer wichtig, Kunst immer in einem Kontext stattfinden zu lassen. Andere Prozesse und Faktoren mitzudenken, wie zum Beispiel einen pädagogischen oder historischen Aspekt wie mit dem Bauhausorchester, bei dem wir musikalisch die historische Bauhauskapelle rekonstruieren.

Grönholdt: Ich habe sechs Jahre in Moabit gewohnt und schätze die Vielfalt der Bewohner. Der große Anteil an Studenten, Kids, aber auch schrägen Vögeln passt super zu uns und dem Festival und wie Hajo schon sagte – auch die vielfältigen Projekte des ZK/U zwischen Kunst, Flohmarkt und Techno.

Festival für selbstgebaute Musik, 14. bis 16. September, ZK/U, Siemensstraße 27 in Moabit.

Foto: privat

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de

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