Nachbarschaft

Veröffentlicht am 14.11.2018 von Laura Hofmann

Silke Kirschning, Künstlerin und Soziologin.

Frau Kirschning, Sie haben die Friedhofsmauer an der Plantagenstraße in Wedding mit einem 68 Meter langen Wandbild verziert. Was kann der Passant darauf erkennen? Meinem Mauerbild habe ich die Zeilen von Rainer Maria Rilke vorangestellt. Sie lauten: „…hab ich mich diesem Lichtraum angeboten, mein Schatten geht über das Haus der Toten, sein Wandeln zähmt mich sonderbar.“ Diese „sonderbare Zähmung“ hat mich zu einer schlichten Formensprache geführt und einem sehr bewussten, reduzierten Einsatz der Farbe (Dunkelblau und Rostrot, sowie Weiß auf beigefarbenem Untergrund). Zwei Oneliner, also eine Strichführung als ob mit einem einzigen Pinselstrich ohne abzusetzen alle Motive gemalt worden seien, ziehen sich über die gesamte Länge des Bildes.

Das Mauerbild kann gelesen werden wie eine Schriftrolle. Nicht alle Motive erschließen sich ohne Hintergrundwissen, aber sie werden Assoziationen auslösen und vielleicht Interesse für den Ort wecken. Das Wandbild setzt sich aus 26 Elementen zusammen. Jeweils einem Element zur Einleitung und zum Abschluss und dann noch 24 Elementen, die mit jeweils 8 Motiven 3 Phasen mit Bezug zum Krematorium und zum Urnenfriedhof wiedergeben. Meine Auseinandersetzung mit der Bestattungskultur führte mich von der Gegenwart durch die Geschichte bis ins Alte Ägypten. Auf meiner Homepage erkläre ich demnächst alle Motive.

Wie haben Sie die Nachbarschaft in die Gestaltung mit einbezogen? In Kooperation mit dem Quartiersmanagement Pankstraße bot ich für die Anwohner „kreative Friedhofspaziergänge“ an und eine kostenfreie Führung durch das ehemalige Krematorium. Aushänge an den Haustüren und Informationen auf der Homepage luden dazu ein. Eine Handvoll Leute nahmen teil. Ihre zeichnerischen Skizzen und schriftlichen Notizen nutzte ich für den Entwurf des Wandbilds, so dass ihre und meine Impressionen einflossen. Sie griffen z.B. die optische Gliederung des Friedhofs durch die Urnengräber und das Kolumbarium auf, in dem die Urnen aufgestellt sind. Sie bemerkten, dass dort auffallend viele Urnen mit chinesischen Schriftzeichen stehen. Eine weitere Teilnehmerin zeichnete eines der vielen Plastikherzen und eine andere machte Skizzen zur tröstenden Wirkung von Musik.

Wie hat sich unser Umgang mit dem Tod in den vergangenen Jahren Ihrer Meinung nach verändert? Das ehemalige Krematorium enthält noch etliche Hinweise auf seine Geschichte, als es zur Feuerbestattung Verstorbener diente. Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingeweihte Trauerhalle wird heute als Veranstaltungssaal genutzt. Die Urnennischen sind in dem Innenraum immer noch deutlich sichtbar. Um die Jahrtausendwende war das Krematorium zum modernsten Europas umgebaut worden.

Gegenwärtig befindet sie sich wieder in Bau. Die riesige Leichenhalle wird ein internationales Ausstellungszentrum. Bei unserem Besuch der unterirdischen Baustelle sahen wir die Reste der technischen Ausstattung. Die Toten wurden nicht mehr wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Menschen transportiert. Das erledigten nun Roboter, die sie auf Schienen durch die Halle manövrierten. Die Angehörigen kamen kaum noch mit den Toten in Kontakt. Die Trauergesellschaften wechselten in einem vorgegebenen Takt. Gerade mal 20 Minuten durfte jede Abschiedsfeier dauern, dann folgte schon die nächste. In dieser Hochleistungsphase wurden 10.000 Leichen pro Jahr kremiert.

Ich war schockiert. Mir ging ein Vergleich von moderner Bestattungskultur und Massentierhaltung durch den Kopf. Gleichbehandlung auf ganzer Linie, alles geordnet, rational durchorganisiert und ökonomisch kalkuliert. Verhältnisse, die man meist nicht genauer erkennen will. Man hält sie nur aus, wenn man sich distanziert. Denn das Wahrnehmen von Gefühlen könnte die Akzeptanz verringern und Unruhe schaffen.

Foto: Laura Hofmann

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de

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