Nachbarschaft

Veröffentlicht am 12.12.2018 von Laura Hofmann

Der Investor Romeo Uhlmann sieht vielleicht nur einen Hof mit ein paar ollen Garagen in Wedding, ein Grundstück mit „Potenzial“, das er nutzen möchte, um seinen „Campus Viva“ von nebenan auszuweiten und gleich noch ein Hostel daneben zu bauen. „Campus Viva“ steht für „Mikroapartments für Studenten“, die als Eigentumswohnungen / Kapitalanlage verkauft und ab 495 Euro (19 Quadratmeter) vermietet werden – kalt.

Für etwa 40 Bewohner und Gewerbetreibende , darunter Marie Münch, aber ist der Remisenhof in der Koloniestraße 10 Refugium, Arbeitsstätte und Heimat. Beziehungsweise war er das. Fast alle Garagen bis auf drei sind mittlerweile entmietet, die verbliebenen befinden sich mit dem Investor im Rechtsstreit.

Und da dachte sich Uhlmann wohl, jetzt könne man mit einem Bagger einfach mal Tatsachen schaffen. Dabei sind die Eigentumsverhältnisse laut Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) rechtlich nicht ganz klar. Egal, im Morgengrauen des Donnerstags rückte ein Abrisstrupp an, um die Garagen dem Erdboden gleichzumachen. Ausgestattet lediglich mit einem Abrissauftrag des Investors, nicht jedoch mit einer Genehmigung des Bezirksamts. Dass Uhlmann wusste, dass diese notwendig gewesen wäre, sei deutlich geworden, als er eine Mitarbeiterin des Bezirksamts am Telefon angebrüllt habe, berichtet der Stadtrat.

Half alles nichts: Nach einigem Hin und Her, weil einige Mitarbeiter im Bauamt allem Anschein nach selbst nicht wussten, dass das Grundstück mittlerweile im Milieuschutzgebiet liegt, und dem Eingreifen der Polizei wurde ein Abrissstopp angeordnet, die Aktion als ordnungswidrig eingestuft. „Es ist bedauerlich, dass der Investor Uhlmann sich aus Profitinteressen heraus zu einem nicht rechtskonformen Vorgehen hinreißen ließ und es nicht einmal für nötig erachtete, die betroffenen Mieterinnen vorab zu informieren“, findet Gothe. Eine Antwort von Investor Uhlmann auf meine Anfrage steht noch aus.

Und wie geht es weiter in der Koloniestraße 10? Als die Bauarbeiter abzogen, hinterließen sie den Hof in einem „ziemlich schlimmen Zustand“, berichtet Marie Münch. Am Abend fand sich eine Unterstützergruppe im Hof der „Kolonie 10“ ein und behob alle Schäden so gut es eben ging.  Vom Investor oder der Hausverwaltung haben sie bisher nichts gehört. „Wir sind wachsam und natürlich nach wie vor in Sorge, um unser zu Hause und unsere Arbeitsstätten“, sagt Münch. „Wir sind aber ebenso überwältigt von der Solidarität und Unterstützung, die wir von Nachbar*innen, Stadtteilinitiativen und einigen Politiker*innen erfahren haben.“

Für den Erhalt ihres Hofes, ihrer Wohn-und Arbeitsstätten, „um die hier lebenden Tierarten, um die vielen Grünflächen – welche zu Zeiten des Klimawandels wichtiger denn je sind“ wollen sie weiter kämpfen. „Wir wollen einen Alternativvorschlag für die Bebauung machen“, sagt Stadtrat Gothe. „Etwas, das den Charakter des Remisenhofs erhält.“ Geplant sei das in Abstimmung mit den Bewohnern. „Wir wollen raus aus den Schützengräben und den Weg der Diplomatie versuchen.“

Foto: Kolonie 10

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