Nachbarschaft

Veröffentlicht am 06.02.2019 von Corinna Cerruti

Thomas Jeutner, 58, ist Pfarrer der Evangelischen Versöhnungsgemeinde Berlin. Zu ihr gehört die Kapelle der Versöhnung auf dem ehemaligen Todesstreifen der Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Ab 1961 war sie schon geschlossen, 1985 veranlasste die DDR-Regierung die Sprengung der Kirche.

Nach der Wiedervereinigung wurden die alten Steine der Kirche in den Lehm der Kapelle eingearbeitet, viele Einrichtungsgegenstände verblieben jedoch in den Depots der Gemeinden quer durch Berlin. So auch die Turmuhr. Jetzt möchte die Gemeinde die Uhr wieder zum Leben erwecken. Für die aufwendige Restaurierung sind 30.000 Euro nötig. Um das Geld zusammenzubekommen, wurde die Spendenaktion „Gönn dir eine Minute“ ins Leben gerufen. Für 45 Euro bekommen Spender*innen eine Minute, und helfen so mit, ein Stück Berliner Geschichte zurückzuholen. Pünktlich zum Gründungsjubiläum der Versöhnungsgemeinde im August dieses Jahres soll die Uhr im Foyer des Gebäudes des Evangelischen Werks für Diakonie und Entwicklung am Berliner Nordbahnhof wieder in Betrieb gehen – nach 58 Jahren Stillstand.

Wie kam es zu der Spendenaktion? Nach der Wiedervereinigung errichteten wir 1999 die Kapelle als Zeichen der Versöhnung. Die geretteten Glocken der damaligen Kirche sowie ihr Altar kehrten wieder an ihren ursprünglichen Ort zurück. Dasselbe wollten wir auch für die Uhr. Aber stellen Sie in Berlin mal sowas fragiles und wertvolles einfach so nach draußen! Wir hatten zu große Angst vor Vandalismus. Glücklicherweise bot die Diakonie an, die Uhr hinter einer Plexiglasscheibe in ihrem großen Foyer auszustellen. Hinzu kommt, dass uns nur das Uhrwerk erhalten geblieben ist, da man im 19. Jahrhundert oft noch auf ein Ziffernblatt verzichtet hat. Nun hat die Berliner Zionskirche neue Ziffernblätter anfertigen lassen und uns eines geschenkt. Die Montage beider Stücke macht die Uhr zu einem doppelten Erinnerungsort, sowohl für den ehemaligen Grenzübergang als auch den kirchlichen Widerstand gegen das DDR-Regime aus der Zionskirche.

Was bedeutet Ihnen die Uhr ganz persönlich? Erinnerungsarbeit lebt immer von Zeitzeug*innen. Die Uhr ist eine Zeitzeugin. Sie ist mit dem Mauerbau stehengeblieben. Die Tatsache, dass sie bald wieder ticken wird, zeigt, dass man das Leben nicht anhalten kann – trotz widriger Umstände. Es geht immer weiter. Berlin wurde mit dem Mauerfall wiederbelebt. Heute ist die Stadt eine florierende Metropole und die Uhr ihr Lebenszeichen. Als ehemaliger DDR-Bürger verbinde ich meine eigenen Erfahrungen mit der Region um den Nordbahnhof. Als Lehrling zum Eisenbahner habe ich damals am zugemauerten Bahnhof meinen ersten Arbeitstag verbracht. Nach 30 Jahren kehre ich wieder hier hin zurück.

Wie viele Spenden haben Sie bisher erhalten? Rund ein Drittel. Insgesamt 720 Minuten können die Spender*innen kaufen. Wir hoffen, bis August die restlichen Spenden zu bekommen. Jede Person, die uns eine Minute widmet, erhält eine Urkunde und natürlich eine Spendenbescheinigung.

Informationen zu der Aktion erhalten Sie hier. Foto: Andrew Badenhorst

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de

Anzeige