Nachbarschaft

Veröffentlicht am 17.07.2019 von Julia Weiss

„Die Friedrichstraße ist eine Geschäftsstraße und keine Uferpromenade“, sagt Rainer Boldt. Als langjähriger Filialleiter der Dresdner Bank hatte er den Aufschwung der Friedrichstraße miterlebt. Bis 2014 war er Vorsitzender der Anrainervertretung „Die Mitte e.V.“. Er sagt: Eine autofreie Friedrichstraße, wie sie Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) zumindest zeitweise anstrebt, würde den Gewerbetreibenden schaden.

Herr Boldt, wieso wäre die autofreie Friedrichstraße schlecht für das Geschäft? Kunden mit Auto lassen am meisten Geld in den Geschäften – das zeigt die Erfahrung. Dass eine Flaniermeile wieder mehr Menschen anlocken könnte, halte ich für einen Trugschluss. Der Online-Handel ist eine große Konkurrenz. Die Kunden, die jetzt im Internet einkaufen, kommen auch nicht mehr zurück. Sperrt man die Friedrichstraße für den Autoverkehr, hält man zusätzlich Kunden fern.

Studien zeigen, dass Radfahrer zwar weniger Geld ausgeben, aber dafür öfter wieder kommen. Solche Studien kenne ich nicht. Andere Details aus dem Konzept des Vereins „Changing Cities“ zeigen aber, wie wenig Verständnis für die Geschichte der Friedrichstraße und die Entwicklung nach der Wende herrscht. Die jetzt geforderte Begrünung wurde bereits umfangreich geprüft, es ist halt kein Boden da für Bäume. Der U-Bahnschacht liegt teilweise nur 30 Zentimeter unter der Oberfläche. Auch eine Fußgängerzone wurde in den 1990 und 2000er-Jahren ausführlich diskutiert und von Investoren, Hotels und Einzelhandel abgelehnt. Vor allem nachts sind Fußgängerzonen in anderen Städten meist völlig ausgestorben.

Was spricht dagegen, es für ein paar Tage auszuprobieren? Die Friedrichstraße ist keine Experimentierbühne, wie Begegnungszonen in der Bergmannstrasse und Maaßenstrasse, die voll daneben gegangen sind. Die Friedrichstraße ist die einzige funktionierende Nord/Süd Straßenverbindung zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz. Über veränderte Verkehrsbeziehungen sollte erst dann gesprochen werden, wenn das seit Jahrzehnten ausstehende Verkehrskonzept für die gesamte Berliner Mitte vorliegt. Demonstrationen und Veranstaltungen auf der Straße des 17. Juni belasten die Erreichbarkeit der City Ost an gut 150 Tagen im Jahr mit den entsprechenden Folgeschäden im Einzelhandel und der Gastronomie.

Wie wurden die Gewerbetreibende bisher in die Planung einbezogen? Mit den Betroffenen und der Anrainergemeinschaft „Die Mitte e.V.“ wurde die Vorgehensweise erst gar nicht und dann viel zu spät besprochen. Nun gab es zwar Runde Tische, aber dieses Format ignoriert, dass große Handelsketten ihre Entscheidungen nicht in Berlin treffen, sondern in Paris oder London. Auch hier zeigt sich, dass die politisch Verantwortlichen überhastet reagieren und die Friedrichstraße mit ihren Themen gar nicht kennen.

Foto: Mike Wolff

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de

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