Nachbarschaft

Veröffentlicht am 24.07.2019 von Laura Hofmann

Mein Kollege Felix Hackenbruch hat Lutz Mauersberger am Alexanderplatz getroffen.

Mit 16 Jahren begann er, sein ganzes Taschengeld zum Kiosk zu tragen. Für 80 Pfennig bekam er dort historische Postkarten der Berliner Mitte. „Das war geheimnisvoll. Es war ja so vieles nicht da“, erinnert sich der 54-Jährige. In Ostberlin geboren, wuchs er nur wenige Meter von der Mauer entfernt auf. Den Kreuzberger U-Bahnhof Prinzenstraße konnte er aus seinem Kinderzimmer in der Heinrich-Heine-Straße sehen. „Der Westen war für mich immer ein Sehnsuchtsort.“

Was sein Staat dem jugendlichen Mauersberger verwehrte, wurde auf den alten Ansichtskarten real. Das vereinte und unversehrte Berlin. Die Sammelei wurde zur Obsession. Heute umfasst sein privat betriebenes „Berlin Mitte Archiv“ knapp 10.000 Postkarten, 15.000 Fotos, mehrere tausend Bücher und kistenweise Aktenordner mit Zeitungsartikeln, Karten und Bauplänen vom Nikolaiviertel, Alexanderplatz, Schloss und Molkenmarkt.

Mit seiner Sammlung will der Architekt Mauersberger Wissen erhalten, das vielen Berlinern fehlt. Die Geschichtsvergessenheit ist für ihn ein Grund, warum es der Stadt teilweise an einer Identität mangle. „Es gibt hier keine Sentimentalität zur alten Stadt wie zum Beispiel in Dresden.“ Darunter würden Orte wie der Alexanderplatz leiden, für deren Attraktivität sich niemand einsetze. „Die Ungeliebtheit ist ein Problem. Es braucht Menschen, die den Alexanderplatz zu ihrem Projekt machen.“ Mauersberger hofft auf weniger Märkte, mehr Konzerte, Einzelhändler und Künstler auf dem Platz. „Der Alex ist doch eigentlich ein so unglaublicher Kraftort.“

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de

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