Nachbarschaft

Veröffentlicht am 14.08.2019 von Laura Hofmann

Walentina „Walli“ Nagel, 1904-1983

Sie wollte nicht nur die Frau eines berühmten Mannes sein. So wurde sie oft wahrgenommen. Die junge Russin heiratete 1925 den deutschen Maler Otto Nagel und zog mit ihm nach Deutschland, von Leningrad in den Wedding. Die beiden hatten sich ein Jahr zuvor bei der Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung in der Sowjetunion kennengelernt – und verliebt. Über ihr Leben in Berlin schrieb Walli Nagel 1981 eine Autobiografie – was sich zu dieser Zeit kaum Frauen trauten.

Für die junge Russin war das Leben im Berlin der 1920er Jahre schwierig. „Die Meinung der Deutschen über die russischen Menschen nach der Revolution war nicht immer gut“, schrieb sie in ihrem Buch. Bei Veranstaltungen hörte sie es oft raunen: „Das ist eine Russin, Otto Nagel hat sie mitgebracht. Wissen Sie, der Otto Nagel, der Kommunist ist, der Maler!“ Doch Walli Nagel war selbstbewusst und sagte: „Guten Abend! Ich bin die Frau Otto Nagels, ich wurde nicht mitgebracht, ich bin mitgekommen.“

Doch es lauerten Fettnäpfen – besonders der Berliner Dialekt machte ihr zu schaffen. So antwortete Walli Nagel zum Beispiel einmal auf die Frage wie es ihr gehe mit „knorke“, ein Wort über das man in feinen Kreisen die Nase rümpfte.

Ihren eigenen Beruf als Schauspielerin gab sie auf, doch sie hatte Geschäftssinn. Deshalb organisierte sie die Arbeit ihres Mannes und auch eine Ausstellung der deutschen Künstlerin Käthe Kollwitz in Russland. 1934 rettete sie ihrem Mann sogar das Leben. Dank Wallis guten Beziehungen zur russischen Botschaft wurde Otto Nagel aus dem KZ Sachsenhausen entlassen.

Zur Zeit des Nationalsozialismus lebte das Ehepaar mit wenig Geld im Wedding. Als Kommunist und sozialkritischer Maler durfte Otto Nagel seine Kunst nicht verkaufen und nicht mehr im Atelier malen. Also stellte er sich auf die Straße und zeichnete Berliner Stadtansichten. Viele Häuser die darauf zu sehen sind, wurden später zerbombt. Obwohl sie Kommunisten waren, überlebte das Ehepaar. Einen „glücklichen Zufall“, nannte es Walli Nagel später in ihrem Buch.

Wer mehr über das Leben von Walli und Otto Nagel erfahren will, hat dazu am 16. August Gelegenheit. Im Café „Spinner & Weber“ (Brüsseler Straße 37) stellt der Verleger Walter Frey das Buch „Das darfst du nicht! Von Sankt Petersburg nach Berlin-Wedding“ von Walli Nagel vor. Die Lesung beginnt um 19 Uhr.

Weitere Werke aus der Reihe „Wedding-Bücher“: wedding-buecher.de 

Text: Julia Weiss

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de

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