Nachbarschaft

Veröffentlicht am 06.11.2019 von Robert Klages

Ich bestelle drei alkoholfreie Biere und drei Wodka – das irritiert so schön. Aber der Barkeeper im St. Oberholz verzieht keine Miene. Hier am Rosenthaler Platz treffe ich Rick Palm (22) und Maik Gerecke (35), die zusammen den Podcast „transphilosophisch“ machen, aufgenommen in Ricks Wohnung in Wedding. Sie sind die Jan Böhmermann und Olli Schulz aus Mitte. Ihr Podcast kommt aus einer Berlin-Blase. Geschichten, die dir nur in Berlin passieren können. (Auch so eine Floskel, aber mehr dazu gleicht). „Wir sind uns nicht sicher, ob man uns in München verstehen würde“, meint Maik. „Oder ob man uns da sogar verhaften würde.“

Denn es wird recht offensiv gekifft in einigen Folgen. Maik ist Philosoph und Autor. Rick Grafik-Designer und Autor. „Transphilosophisch“ ist Ricks Dokumentation über seine Hormontherapie. Als Rick noch unter seinem alten, weiblichen Namen unterwegs war, hatten wir mal zusammen mit dem Künstler Stephan Groß eine Kurzgeschichten-Lesereihe namens „Delyrium“ in der Brotfabrik in Pankow. Die gibt es schon länger nicht mehr. In Folge 27 von „transphilosopisch“ mit dem Titel „Reptiloiden hassen diesen Podcast!“ erzählt Rick, er werde jetzt immer seltener als „Zwitterwesen“ gesehen. Es werde immer mehr automatisch angenommen, er sei ein Mann. Durch die Hormone wachsen ihm gerade Brusthaare.

„Sind die Hormone eigentlich vegan?“, fragt Maik. Er gibt zu, oft auch Schiss zu haben, da was Falsches zu sagen, als Hetero-Cis-Mann. „Wenn sich zwei queere Menschen unterhalten würden, wäre es wohl was ganz anderes“, sagt er. Aber Rick meint: „Ich hätte gar keinen Bock auf einen rein queeren-Podcast.“ In Folge 27 erzählt er, wie er Dixi-Klo-Gespräche mithört: Leute unterhalten sich darüber, was transgender sei. Einer sagt, das sei wie bei Seepferdchen. Rick: „Ich weiß nicht, ob ich da lachen soll oder zu den Leuten sagen, dass sie es wenigstens googeln könnten.“

Aber auf den Dörfern sei es noch anders als in Berlin. In der Hauptstadt würden so viele Menschen androgyn aussehen, es würde kaum mehr auffallen. „Wenn man alles als abnormal einstufen würde, was anders aussieht, da würde man gar nicht mit fertig werden in Berlin.“ Maik ergänzt: „Für solche Leute wäre jede Bahnfahrt in Berlin die Hölle.“ Auf dem Dorf jedoch, meint Rick, gebe es noch diese stereotypischen Erscheinungsbilder und eine Frau mit kurzen Haaren gelte oftmals schon als burschikos. „Ist interessant, wie die Leute nach Sehgewohnheiten entscheiden, was für sie normal ist.“

„Es war so eine Schnapsidee“, sagt Maik dann, als ich frage, wie die beiden für ihren Podcast zusammengefunden haben. Das sind so Sätze, da möchte ich das Interview gerne abbrechen. Das sagen Leute immer, man sollte gar nicht mehr danach fragen. Wir lachen dann. Die Floskel ist so zerkaut wie „Der Wedding kommt“ – auch so ein Satz, den ich nicht mehr hören kann, bei dem ich demnächst einfach aufstehe und gehe. Obwohl ich mit einem Freund den Running-Gag habe, in vollkommen unpassenden Momenten „Der Wedding kommt“ zu sagen, auf einer Hochzeit beispielsweise (Höhö), oder zuletzt, als wir in einem Vorort von St.Petersburg unterwegs waren, mit Blick auf den Gazprom-Tower, das höchste Gebäude Europas, gerichtet: „Der Wedding kommt.“

„Der Wedding ist wie ein Hund, der keine neuen Tricks mehr drauf hat“, ruft dann Rick in meine Ausführungen. Und Moabit, wo Maik wohnt, sei der blinde Fleck Berlins – sagt Maik. „Das Auge des Sturms: du stehst drin, nichts passiert, aber um dich herum tanzen die Häuser.“ Das geht dann eine Weile so weiter, wir sind unterdessen in den „Schokoladen“ gewechselt.

„Wenn wir den Podcast aufnehmen, dann fühle ich mich sprachlich wie ein Knasti auf Freigang“, sagt Maik. Rick nickt. Das Gespräch ergebe sich organisch und werde auch im Nachhinein kaum geschnitten. Geld verdienen sie damit nicht. Gar nicht. „Also haben wir auch nichts zu verlieren“, meint Maik. „Wenn einem was nicht passt von dem, was wir da sagen: was soll er machen? Uns die Gelder streichen?“

Der Podcast „transphilosophisch“ erscheint alle zwei Wochen. Der nächste am 16. November um 20.15 Uhr. Thema vermutlich: „Drogen“. Oder „Berlin“. Bei den neuen Folgen ist auch immer ein Gastmusikant mit dabei. Wer Interesse hat, kann sich bei Rick und Maik melden. „Transphilosophisch“ kann überall dort nachgehört werden, wo es Podcasts gibt: Spotify oder SoundCloud beispielsweise. Oder einfach auf transphilosophisch.de. Er ist auch auf Instagram. Auf patreon.com kann „transphilosophisch“ unterstützt werden: bis zu 5 Euro pro Monat sind möglich. Foto:  Annette Zacharias

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de

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