Nachbarschaft
Veröffentlicht am 13.11.2019 von Julia Weiss
Wo früher ein Tor zum Eingang der alten Philharmonie führte, stehen heute blaue Mülltonnen. Fred Riedel beugt sich über eine goldene Platte, die in den Boden am Rande der Bernburger Straße eingelassen ist. Sonst erinnert nichts mehr an den prächtigen Bau, der in einem Hof verborgen lag. Das Gebäude wurde im zweiten Weltkrieg zerstört. „Und jetzt stellen die da Mülltonnen hin“, sagt Riedel. Das ärgert ihn.
Fred Riedel ist Stadthistoriker aus Leidenschaft, so nennt er es. Sein Beruf war eigentlich ein anderer. Bis zu seiner Rente war er Hochschuldozent. Nach seinem Studium arbeitete er Mitte der 1950er-Jahre als Lektor bei einem Verlag in Frankfurt. Als er nach einigen Jahren wieder zurückkam, fand er das graue Berlin plötzlich hässlich. Er war drauf und dran, wieder wegzuziehen, als ein Freund zu ihm sagte: „Du musst diese Stadt verstehen.“ Das nahm sich Riedel zu Herzen. Ein Jahr lang spazierte er daraufhin durch Berlin und beschäftigte sich mit der Stadtgeschichte – im Westen und im Osten. Er hatte gute Kontakte und bekam ein Visum für Ostberlin.
„Damals wusste niemand über Ostberlin Bescheid“, erinnert er sich. Also erzählte er seinen Freunden davon. Auch heute sei das Wissen der Berliner über ihre Stadt bescheiden, findet Riedel. Damals war die Stadt geteilt, aber heute gebe es eigentlich keine Ausrede mehr. Gegen die Unwissenheit macht Riedel nun Stadtführungen und erklärt, wie es früher aussah.
Eine seiner Touren führt ihn durch die ehemalige Friedrichsvorstadt. Wo heute die Berliner Philharmonie, die Gemäldegalerie und die neue Nationalgalerie stehen, entstand in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein eleganter Villenbezirk. Bis zum zweiten Weltkrieg lebten dort viele Intellektuelle, Politiker, Industrielle und Künstler wie Bettina von Arnim, Joseph von Eichendorff, die Gebrüder Grimm und Theodor Fontane. „In den Gärten sangen die Nachtigallen, hinter der Kirche hörte man Frösche und Unken“, schrieb die Dichterin Wilhelmine Bardua.
Doch die Nationalsozialisten zerstörten einen Teil der Häuser und später fielen die Bomben der Alliierten auf das Viertel. Heute stehen nur noch die Matthäi-Kirche und wenige Häuser. Dass alle alten Ruinen wie auch die der alten Philharmonie unweit des Potsdamer Platzes abgerissen wurden, ist für Riedel eine Schande. „Man hätte viel mehr wieder aufbauen können“, sagt er. Für den Platz rund um die Matthäi-Kirche hat er nun nicht mehr viel übrig: „Wo früher ein elegantes Villenviertel war, ist jetzt ein Drecksplatz, eine unbewohnte Ödnis.“
Die Stiftung St. Matthäus erinnert in einer Vortragsreihe an das verschwundene Viertel. Die Auftaktveranstaltung war Anfang November, weitere folgen im Februar und April. – Text: Julia Weiss
Foto: Thilo Rückeis
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