Nachbarschaft

Veröffentlicht am 23.06.2020 von Corinna Cerruti

Kennen Sie die Europacity? Dieses Gebiet nördlich des Hauptbahnhofs? Nein? So dürfte es vielen Berliner:innen gehen. Viele denken bei dem Viertel wohl zuerst an Bürokomplexe und vor allem an Baustelle – und das seit Jahren. Doch zwischen Büros, Alt- und Neubauwohnungen steht eine kleine gelbe Hütte, die sich dem Viertel verschrieben hat: Der Offene Kanal Europa.

Hier wird Lokalfernsehen produziert und zwar nur für die Europacity. „Die Hütte ist ein physischer und digitaler Raum des Austauschs“ und „lädt dazu ein, vorbei zu kommen, Gedanken und Ideen zu teilen oder eigene Inhalte zu produzieren“, heißt es im Flyer. Ein kleiner Lokalsender für die Nachbarschaft.

Nora Spiekermann hat das Projekt ins Leben gerufen. Seit zehn Jahren lebt die gebürtige Hessin in Berlin, durchgehend oben in Wedding. Schon immer sei sie gern auch in der Europacity unterwegs gewesen, als es hier noch viel Freiraum gab mit nur wenigen Geschäften und Clubs. Doch plötzlich begannen die Bauarbeiten, Bürotürme wurden aus dem Nichts heraufgezogen, ein ganzes Viertel aus dem Boden gestampft. Als sie nach einem zweijährigen Intermezzo in Weimar zurückkehrt, hat sich die Europacity stark verändert. Doch nicht nur die Häuser sind mehr geworden, sondern auch die Menschen. „Da ist plötzlich ein Ort mitten in der Innenstadt, den niemand zu kennen scheint. Und selbst die Bewohner kennen sich nicht untereinander.“

Da begann Spiekermann sich genauer mit der neuen Nachbarschaft zu beschäftigen und schuf den „Offenen Kanal Europa“. „Es braucht hier ein Forum, wo sich die Leute treffen. Ein Ort des Austauschs und der Begegnung.“ Durch die vielen gläsernen Bürogebäude wirkt die Umgebung eher anonym und lädt weniger zum Verweilen ein. Doch leben hier Menschen, und nicht erst seit kurzem. Auf dem Youtube-Kanal finden sich Interviews vom Ur-Berliner, der seit 15 Jahren in demselben Wohnhaus lebt, bis zu neuen internationalen Zugezogenen aus den großen Neubauten.

Spiekermann erklärt, sie wolle eine Plattform schaffen für die Themen, die in der Europacity stattfinden, und die Nachbarn einander vorstellt. Das Projekt läuft seit Mai, die Hütte ist drei Mal die Woche geöffnet. Jeden Donnerstag gibt es ein gemeinsames Abendessen auf Spendenbasis, die Hütte ist an einen Foodtruck angebaut. Dazu kommen auch Leute aus anderen Vierteln, unter anderem Peter Kapsch von der Stadtteilkoordination Moabit Ost, zu dessen Gebiet auch die Europacity gehört. An Abenden wie diesen könne sich so auch über die Zukunft des Viertels unterhalten werden, sagt Spiekermann. Das Projekt läuft voraussichtlich bis Ende Juli.

Foto: Katya Romanova

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de