Nachbarschaft

Veröffentlicht am 29.07.2020 von Julia Weiss

Vera Regitz-Zagrosek gründete im Jahr 2007 das bundesweit erste Institut für Gendermedizin an der Berliner Charité. Denn obwohl Frauen oft anders auf Medikamente und Therapien reagieren, ist die medizinische Forschung bis heute stark am Mann ausgerichtet. Frauen leiden deshalb öfter an Nebenwirkungen von Medikamenten oder Krankheiten werden zu spät erkannt.

Die Idee zum damals noch unbekannten Forschungsgebiet kam Vera Regitz-Zagrosek als Oberärztin am Deutschen Herzzentrum Berlin. Ihr fiel auf, dass weniger Frauen als Männer in Behandlung waren. „Herzkrankheiten wurden bei Frauen weniger wahrgenommen, weil sie andere Symptome haben“, sagt Regitz-Zagrosek. Also habe sie mit ihrem Team erforscht, inwieweit Frauen und Männer unterschiedlich behandelt werden müssen. Sie beobachtete beispielsweise Patientinnen nach Operationen an Herzkranzgefäßen und bemerkte, dass die Sterblichkeit höher war als bei Männern.

Die medizinische Forschung sei bisher stark auf den Mann fokussiert. „Studien werden erst an männlichen Versuchstieren und dann größtenteils an Männern durchgeführt“, berichtet die Professorin. Das liege vor allem am Zyklus der weiblichen Tiere, der Sorge vor Hormonschwankungen und Schwangerschaft. Außerdem würden die Weibchen für die Zucht gebraucht. Mit dem Ergebnis, dass Frauen dann häufiger an Nebenwirkungen leiden, Medikamente gar nicht wirken oder eigentlich eine andere Dosierung notwendig wäre.

Trotz dieser Missstände waren einige Kollegen nicht gleich überzeugt. „Es gab Menschen in der Klink, vor allem männliche Kardiologen, die diese Forschung für völlig unnötig hielten“, erinnert sich die Medizinerin. „Wir haben dann weiterhin gute Arbeit gemacht, uns etabliert und Forschungsgelder dafür erhalten.“ So konnte sie 2007 das deutschlandweit erste Institut für Gendermedizin gründen. Dessen Leitung hat sie mittlerweile abgegeben. Regitz-Zagrosek lehrt nun als Professorin.

Gendermedizin etabliere sich langsam in Deutschland, sagt sie. Mittlerweile werde sie an Universitäten gelehrt. Dabei gehe es nicht nur darum, Frauen zu helfen. Es gebe auch Krankheiten, unter denen Männer stärker und häufiger leiden. „Gendermedizin ist keine Frauenmedizin. Wir wollen die Unterschiede herausfinden.“ Foto: Doris Spiekermann-Klaas, Text: Julia Weiss
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