Nachbarschaft

Veröffentlicht am 14.10.2020 von Sophie Rosenfeld

Das Pantoffeleck zog zwar erst 1980 in die Torstraße 39 in Mitte, doch den Familienbetrieb gibt es schon länger als ein Jahrhundert. 1991 komplettierte Reno Jünemann als der Ältere von zwei Söhnen den Betrieb, 16 Jahre später übernahm er die Führung in vierter Generation. Hier verrät er, wie alles begann:

Wie kommt man darauf, Pantoffeln herzustellen? Was meine Familie, speziell meinen Uropa, dazu veranlasst hat, Pantoffeln herzustellen, weiß ich gar nicht. Allerdings war das früher gar nicht so selten. Sogar nach dem Zweiten Weltkrieg gab es noch etwa 50 Pantoffelmacher in Berlin!

Und ihr Weg zu den Pantoffeln? Ich bin da im wahrsten Sinne des Wortes hineingewachsen. Nach der Schule immer erstmal in den Betrieb, wo Papa, Oma und Tanten arbeiteten – das war völlig normal. Hier mal was stempeln, da mal was kleben, oder einfach nur Schularbeiten machen. So bin ich mit dem Familienbetrieb groß geworden. Ich habe als Kind schon gesagt: „Ich werde Pantoffelmacher!“ Meine Eltern haben das lange belächelt, mich nie gedrängt, am Ende erledigte sich der Rest von selbst. Als ich größer war, habe ich in den Ferien schon hier gearbeitet. Nach der Schule waren meine Eltern dann zum Glück so weise, mir eine richtige Berufsausbildung nahezulegen, so dass ich eine Lehre zum Orthopädieschuhmacher absolvierte. Das war fachlich gesehen nicht nötig, aber da Pantoffelmacher kein „Beruf“ ist, habe ich auch daraus vieles mitnehmen können.

Sie haben zwei Weltkriege überstanden und als Familienbetrieb die DDR. Gibt es dafür ein Geheimnis? Ein echtes Geheimnis gibt’s natürlich nicht. Allerdings ist das allgemeine Geheimnis von Familienbetrieben schon der Zusammenhalt und die doch vielleicht größere Einsatzbereitschaft aller. Wenn woanders vielleicht eher mal „Dienst nach Vorschrift“ gemacht wird, packen hier alle eher noch ’ne Schippe drauf, wenn es nötig ist. Und es gehört nach 112 Jahren auch eine gehörige Portion Glück (wohl auch des Tüchtigen) dazu. Im richtigen Moment die richtigen Menschen an seiner Seite zu haben: Meine Frau hat mich in den 90er Jahren, in denen wir lange quasi pleite waren, im Grunde durchgefüttert. Oder da ist dieser Jungunternehmer, der mir eine Website mit Shop aufgequatscht hat, ohne die es den Laden auch nicht mehr gäbe.

Auf Ihrer Internetseite steht, dass Pantoffeln früher gegen Lebensmittel eingetauscht und die Sohlen aus Autoreifen geschnitten wurden. Die Schuhe sind also mehr als Geld wert? Mehr als Geld nicht. Aber eben nicht nur. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie auch einen Sack Kartoffeln oder frisches Gemüse wert. So ist meine Familie damals durch die schweren Jahre gekommen. Die Sohlen aus Autoreifen waren einfach nur eine Notlösung, da es lange Zeit gar kein normales Sohlenmaterial zu kaufen gab. Die Oberstoffe wurden damals übrigens auch aus alten Mänteln gewonnen. Perfektes Recycling würde man heute sagen.

Hausschuhe und Pantoffeln gibt es bei Ihnen in vielen Farben und in unterschiedlichen Designs. Wonach richtet sich die Gestaltung? Der Klassiker war, ist und bleibt der Pantoffel im Kamelhaarmuster! Schon alleine deshalb, weil es das einzige Muster ist, welches uns seit Anfang an begleitet. Für viele Leute ist es übrigens auch das ausgefallenste Modell! Es kommen natürlich immer mal wieder neue Farben oder Muster dazu, aber wir müssen ja auch Pantoffel für Leute haben, denen der Kamelhaar nicht gefällt. Das kommt aber nur alle paar Jahre mal vor, weil zum Beispiel vermehrt nach einer bestimmten Farbe gefragt wird. Die Formen haben sich allerdings nie geändert. Es gibt den Pantoffel (hinten offen), den Niedertreter (hinten geschlossen, aber eben zum Niedertreten) und den Kragenschuh (hinten geschlossen, noch höher und eben mit einem Kragen). Ansonsten richten wir uns grundsätzlich nicht nach irgendwelchen Moden. Denn was in Mode ist, kann auch schnell wieder aus der Mode sein.

Gab es eigentlich einen Hausschuh-Boom durch Homeoffice? Nee, leider nicht. Aber wir haben unsere Pantoffeln vermehrt über den Postweg statt über den Ladentisch verkauft. Das war schon bemerkbar.

Begutachten Sie zuerst die Schuhe der Leute, mit denen Sie zu tun haben? Oh Gott, nein! Sie sollten mal meine Schuhe sehen: Schuster haben bekanntlich die schlimmsten Schuhe! Aber durch meine Ausbildung zum Orthopädieschuhmacher ging meine Frau anfangs nicht gerne mit mir zusammen Schuhe kaufen, da ich oft wegen zu hoher Absätze oder ungesunder Schuhformen gemeckert habe. Mittlerweile achtet sie da selber drauf. Ich darf auch weiterhin mit.

Wie sieht es mit der Zukunft des Pantoffelecks aus? Gute Frage. Meine Lieblingsantwort ist immer: wenn ich mir in 15 Jahren Gedanken über die Fortführung des Familienbetriebes machen darf, ist alles gut. Dann gibt’s den Laden in 15 Jahren nämlich noch! Kalte Füße wird’s auch in Zukunft noch geben, aber das alleine sichert mir ja nicht den Fortbestand des Familienbetriebes. Ich habe zwei Töchter, 20 und 17, die sind allerdings anders orientiert. Wer weiß, vielleicht ändert sich das noch mal, vielleicht macht mal ein Schwiegersohn weiter. Oder ein Angestellter, den es jetzt noch nicht gibt. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir diese Frage sagen wir mal 2035 nochmal stellen würden. Text: Sophie Rosenfeld

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de

+++ Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Mitte entnommen. Die nächste Ausgabe gibt es in voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de

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