Nachbarschaft

Veröffentlicht am 18.11.2020 von Julia Weiss

Mit der Gleichberechtigung von Frauen ist es in fast allen Weltreligionen nicht weit her. In der Jüdischen Gemeinde Berlin gibt es eine Bewegung, die das ändern will. Gesa Ederberg war 2007 die erste Rabbinerin in Berlin. Seitdem setzt sie sich für eine Gleichbehandlung der Frauen und den Dialog zwischen den Religionen ein. Dafür wurde ihr nun die Louise-Schroeder-Medaille vom Berliner Abgeordnetenhaus verliehen.

Frau Ederberg, Sie waren 2007 die erste Frau in Berlin, die Rabbinerin wurde. Wie kam das in der Jüdischen Gemeinde an? Die Reaktionen waren sehr gemischt: Viele waren begeistert, aber es gab auch Widerstand. Mir wurde vorgeworfen, das widerspreche der jüdischen Tradition. Wieder andere waren skeptisch, haben es aber trotzdem, als Teil der Vielfalt in der Gemeinde, unterstützt. Es gibt natürlich immer noch Menschen, die nie zu mir in den Gottesdienst kommen würden. Aber ich lebe die Gleichberechtigung jeden Tag. Bei Hochzeiten oder Bat Mitzwas passiert es oft, dass Menschen zu mir sagen: Das ist mir neu, aber es ist toll, dass du jetzt da bist.

Wieso tun sich Religionen so schwer mit der Gleichberechtigung von Frauen? Religionen beziehen sich auf traditionelle Texte und diese stammen aus einer anderen Zeit, in der die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen viel starrer war. Ich denke nicht, dass religiöse Menschen pauschal konservativer sind, aber die Verwurzelung der Religion in der Tradition, die Verbindung zu früheren Generationen, ist ihnen wichtig. Das hat ja auch was Positives und Bewahrendes. Veränderungen müssen gut überlegt werden.

Was tun Sie in Ihrer Gemeinde für Frauen? Der jüdische Gottesdienst ist sehr partizipativ. Es müssen mindestens zehn Erwachsene mitmachen. Im orthodoxen Judentum werden nur die Männer gezählt. Bei uns in der Synagoge Oranienburger Straße übernehmen auch Frauen Aufgaben wie Vorbeten oder aus der Tora lesen. Am Zacharias Frankel College, unserem Rabbinerseminar, wo ich unterrichte, machen gerade fünf Frauen die Ausbildung zur Rabbinerin, gemeinsam mit drei Männern.

Die Louise-Schroeder-Medaille wurde Ihnen auch für ihr Engagement als Vermittlerin zwischen den Religionen verliehen. Sie hatten zum Beispiel die Idee für eine „Drei-Religionen-Kita“, die nun in Planung ist. Wieso ist Ihnen das wichtig? Berlin ist eine bunte, internationale Stadt, in der unterschiedliche Religionen zusammenleben. Im Dialog wird klar, wie viel sie verbindet. Juden und Muslime leben zum Beispiel beide als religiöse Minderheiten in Berlin. Sie stellen sich mitunter dieselben Fragen: Wie erkläre ich meinen Kindern Weihnachten? Beide Religionen haben besondere Regeln beim Essen. Juden essen koscher, Muslime halal. Da gibt es viele Austauschmöglichkeiten.

Trotzdem sind nicht alle so tolerant – Antisemitismus nimmt in Berlin zu. Wie erleben Sie das in der Gemeinde? Der Antisemitismus nimmt auf alle Fälle zu und das beunruhigt uns sehr. Schlimm ist es vor allem, wenn es die Kinder trifft. Antisemitismus an Schulen ist oft Teil der Mobbing-Problematik. Es ist wichtig, Schulen und Eltern zu stärken. Kinder sagen erst oft sehr spät etwas – wenn es schon richtig schlimm ist. Unsere Synagoge soll für Familien ein Ort der Geborgenheit sein. Kinder und Jugendliche können hier im Gottesdienst und bei den Festen erfahren: Das Judentum macht auch Spaß.

+++ Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Mitte entnommen. Den gibt es in voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de

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Foto: Sharon Adler

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