Nachbarschaft
Veröffentlicht am 02.12.2020 von Julia Weiss
Als Elke Schillings Nachbar vor einigen Jahren überraschend in seiner Wohnung starb und erst Wochen später entdeckt wurde, wollte sie einsamen alten Menschen helfen. Sie gründete das Silbernetz, das seinen Sitz in Gesundbrunnen hat. Dort können Menschen über 60 täglich von 8 und 22 Uhr kostenlos anrufen und einfach mal reden. Seit der Coronapandemie hat sich das Anrufer-Aufkommen verfünffacht. 50.000 Anrufe sind seitdem eingegangen. Wie geht es alten Menschen nach sieben Monaten Corona?
Frau Schilling, worüber wollen die Menschen mit Ihnen sprechen? Über ihren Tag, ihre Sorgen. Viele wollen einfach nur mit jemandem reden. Wir sprechen über alles und hören zu. Oft ist es nur Smalltalk. Nach sieben Monaten Pandemie merken wir aber auch, dass es immer mehr alten Menschen sehr schlecht geht. Wir bekommen Anrufe von über 85-Jährigen, die resignieren und lebensmüde sind. Vor der Pandemie hörten wir sowas drei Mal im Jahr, jetzt jede Woche. Die Hochaltrigen wissen nicht, ob sie noch zu Lebzeiten aus diesem Zustand herauskommen und leiden unter der Einsamkeit.
Wer sind die Menschen, die bei Ihnen anrufen? Es gibt zwei Gruppen: Menschen, die durch die Lebensumstände des Alters oder Kontaktabbruch in der Familie einsam sind. Und jetzt kommen die bisher gut vernetzten hinzu, die unter den Corona-Einschränkungen leiden. Vor der Pandemie haben uns 10 Prozent Männer angerufen und 90 Prozent Frauen. Jetzt rufen uns dreimal so viele Männer an, wie vorher. Männer sprechen oft nicht über ihre Probleme. Durch Corona ist das Thema Einsamkeit besprechbar geworden. Es ist kein Tabu mehr.
Wie fühlen sich die Menschen nach sieben Monaten Pandemie? Es hat sich viel Zorn und Aggression angestaut. Aber auf der anderen Seite auch viel Gelassenheit. Alte Menschen haben oft schon so viel überstanden. Sie denken sich: Das schaffe ich auch noch. Viele beschweren sich, dass junge Menschen auf der Straße zu wenig Rücksicht auf sie nehmen. Zum Beispiel wenn sie keine Masken tragen. Darüber herrscht ganz viel Entrüstung und Traurigkeit. Junge Menschen können sich oft nicht vorstellen, wie schwierig die Situation für sie ist.
Vor welchen Herausforderungen stehen ältere Menschen? Kultureinrichtungen, Familie, Freizeit – das alles ist plötzlich weggefallen. Viele haben kein Internet. Jetzt müssen sie plötzlich wegen Corona ihre Karten für das Schwimmbad online kaufen. Die Digitalisierung schafft Hürden für alte Menschen. Eine Frau hat mich angerufen, deren Tochter positiv getestet wurde. Sie wusste gar nicht, woher sie die Information bekommen soll, wo sie jetzt selbst einen Test machen lassen kann.
Weihnachten ist das Infektionsrisiko durch Besuche bei der Familie besonders hoch – wie gehen alte Menschen damit um? Es macht mich wütend, wenn jetzt leichtfertig gesagt wird, man sollte die Oma dieses Jahr nicht an Weihnachten einladen. Vielleicht sollte man stattdessen lieber auf andere Gäste verzichten. Alte Menschen haben ihre Traditionen. Und jetzt kommt ein Weihnachten, das sie alleine verbringen sollen. Das ist furchtbar. Die Kirchen und Geschäfte haben geschlossen. Wir bekommen jetzt schon viele Anrufe von Menschen, die Angst davor haben. Sie sagen: Ich weiß nicht, wo ich hin kann.
Was kann jetzt jeder Einzelne tun? Während der ersten Welle haben noch viele ihren Nachbarn geholfen. Jetzt sagen alte Menschen zu uns: In der Nachbarschaft ist niemand für mich da. Auch jüngere Menschen sind zunehmend genervt von der Pandemie und ungeduldig, und dadurch weniger solidarisch. Gerade zu Weihnachten können kleine Gesten helfen. Wie zum Beispiel eine Aufmerksamkeit vor der Türe. Die vielen Musikerinnen und Musiker, die jetzt nicht auftreten, könnten kleine Konzerte in Innenhöfen geben. Ich wünsche mir wieder so viel Hilfsbereitschaft wie zu Beginn der Pandemie.
- Erreichbarkeit: Das Silbernetz-Telefon ist täglich kostenlos von 8 bis 22 Uhr unter der Nummer 0800/4708090 zu erreichen. Über die Feiertage durchgehend von 8 Uhr morgens am 24. Dezember bis 1. Januar um 22 Uhr, auch nachts. Beim Silbernetz bekommen Anruferinnen und Anrufer auch nützliche Informationen über Veranstaltungen in der Nähe oder praktische Tipps für den Alltag.
Foto: Gordon Welters
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