Nachbarschaft

Veröffentlicht am 21.04.2021 von Julia Weiss

Polly Schmincke verkauft umweltfreundliche Schreibwaren in ihrem Laden in der Gipsstraße. Das Geschäft hat sie im Jahr 2012 eröffnet und sich seitdem gut in der Nachbarschaft etabliert. „Es kommen überwiegend Menschen aus dem Kiez“, sagt sie. In ihrem kleinen Laden riecht es nach Holz und Papier. In den Regalen stapeln sich bunte Ordner, Geschenkpapiere und Postkarten

Frau Schmincke, wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen umweltfreundlichen Schreibwarenladen zu eröffnen? Anlass war der sehr hohe Papierverbrauch unserer zwei künstlerisch aktiven Kinder, für die ich keinen Malblock aus Altpapier gefunden habe. Ich musste sie immer online bestellen. In ganz Berlin-Mitte gab es keinen umweltfreundlichen Schreibwarenladen. Das wollte ich ändern.

Im Schnitt verbraucht jeder Deutsche 241 Kilogramm Papier, Pappe und Karton im Jahr. Welche Folgen hat das für die Umwelt? Wenn es neues Papier ist, holzen wir damit nicht nur unnötig viel Wald ab, sondern verschwenden auch sehr viel Wasser, Chemie und Energie. Recyclingpapier benötigt laut Bundesumweltamt in der Herstellung nur die Hälfte der Energie und nur etwa ein Fünftel der Wassermenge. Um Fasern aus Holz zu lösen, braucht es natürlich auch viel mehr Chemie.

Wie unterscheiden sich Ihre Schreibwaren von herkömmlichen? Ich verkaufe fast nur Recyclingpapier – ob Geschenkpapier, Schulhefte oder Notizbücher. Auch Graspapier kommt immer mehr. Dazu gibt es Holzprodukte wie Kugelschreiber, Stiftebecher oder Karteikästen aus nachhaltiger Forstwirtschaft. Unsere Kugelschreiber und Tintenroller sind alle nachfüllbar, also keine Wegwerfprodukte. Vieles kommt von kleinen Hersteller:innen, die ich persönlich kenne. Aber auch von bekannten großen Unternehmen. Die meisten Karten und Geschenkpapiere werden mit mineralölfreien Farben gedruckt, was für das Recycling später sehr wichtig ist.

Müssen Kunden mehr bezahlen als für herkömmliche Schreibwaren? Für die Basics nicht, im Gegenteil: einen Aktenordner für 1,80 Euro bekommen Sie beim großen Schreibwaren-Discounter nicht, bei mir schon. Schulhefte gibt es ab 30 Cent, Schnellhefter ab 40 Cent. Ein richtig schöner Design-Klebefilmabroller aus geöltem Kirschholz und Edelstahl, handgefertigt von Menschen mit Behinderung, kostet aber natürlich schon seine 32 Euro. Handgeschöpftes Papier aus Nepal kostet auch mehr. Bei Stiften ist es aber günstiger, wenn man die Minen immer wieder austauscht, anstatt neue zu kaufen.

Wie kommen Sie durch die Coronakrise? Zum Glück sind in Berlin Schreibwaren als Waren des täglichen Bedarfs eingestuft, so dass kein Termin und kein Test zum Einkaufen nötig sind. Nur die FFP2-Maske. Ich habe also fast normal geöffnet, lasse aber maximal zwei Personen gleichzeitig in den Laden – bei offener Tür. Wer den Kontakt minimieren möchte, kann mit Click&Collect in meinem Onlineshop einkaufen und dann an der Tür abholen.

Foto: Yehuda Swed (seesaw-foto.com)

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