Nachbarschaft

Veröffentlicht am 09.03.2022 von Pauline Faust

Im Lkw von Mitte in die Ukraine. Vor wenigen Tagen scherzte Herkules noch bei Wein mit seinen Gästen im Restaurant. Jetzt fährt er stundenlang über rumänische Landstraßen und hat mit den Tränen zu kämpfen. Der Besitzer des georgischen Restaurants „Kin Za“ in Mitte ist auf dem Heimweg, er hat zuvor Hilfsgüter in die ukrainische Region Odessa transportiert. „Mir schmerzt das Herz“, sagt er am Telefon durch eine rauschende Leitung, „wieso muss man den Leuten das antun?“ und meint die Bomben, die Schüsse und die Angst. Herkules berichtet von seinen Beobachtungen in der Ukraine, von einem Bus mit Kindern aus dem Kriegsgebiet, den er auf seiner Fahrt gesehen hat. Auf dem Dach des Busses stand mit Klebeband angebracht das Wort „дети“ – „Kinder“. Es ist eine Bitte an die russische Armee: Kinder – nicht schießen.

Am 24. Februar griff Russland die Ukraine an. Seitdem lassen die schrecklichen Nachrichten aus dem Land nicht ab. Die ganze Welt scheint mit den Menschen dort zu leiden. In Berlin verfolgt Herkules wie viele die Situation in den sozialen Medien. „Ich konnte selbst nicht mehr schlafen.“ Zwei Tage nach dem Angriff auf die Ukraine, beschließt der Unternehmer, mit seinem Transporter zu helfen. Er postet auf Facebook und hängt Zettel an Laternen: „Morgen fahre ich in die Ukraine, bringt Spenden ins Restaurant“. Zunächst ist es ruhig im Kin Za, am Nachmittag kommen immer mehr Menschen vorbei. Keine leichte Aufgabe – so viele Spenden gibt es zu organisieren.  Überwältigend ist für den Wirt auch, wie viele Menschen ihre Zeit zu spenden und helfen (ein Foto gibt es in Kiezkamera in diesem Newsletter). „Es war sehr rührend, da konnte man fast die schrecklichen Bilder vergessen“, sagt Herkules.

Seitdem hat sich um das Restaurant ein Helfernetzwerk entwickelt. Von überall melden sich Menschen, die etwas beitragen möchten: Geld, Zeit, Expertise oder einen Lkw. Schon lange ist das Kin Za ein Anlaufpunkt für Ost-Europäer:innen und nun auch für Kriegsflüchtlinge, die hier Hilfe auf Russisch bekommen. Von ihnen und über ihre privaten Kontakte erfahren die Helfer:innen, wo sie benötigt werden und was sie bringen können.

Die erste Lieferung fährt Herkules nach Werchowyna, eine Stadt im Skigebiet nahe Lwiw. Aus den Städten sind viele in die Urlaubsgebiete geflüchtet, was die Versorgung überlastet. Die Abgeordnete Mariia Makivnychuk aus Werchowyna – das Foto oben zeigt sie, wie sie ein Hilfspaket entgegennimmt – vermittelt einen Kontakt zu Freiwilligen, die die Lieferung empfangen. Herkules übergibt ihnen Windeln, Babynahrung, Decken und Medikamente. „Es war natürlich sehr spontan“, sagt der Wirt. Als „kindisch“ beschreibt er die erste Fahrt in die Ukraine. Doch das Spontane hat einen Vorteil: keine langen Anträge müssen ausgefüllt werden, die Hilfe ist schnell bei den Menschen.

Eigentlich heißt Herkules Irakli Kemertelidze, in seinem Kiez in Berlin-Mitte kennt man ihn aber in der eingedeutschten Version seines Vornamens. Der Unternehmer hat georgische und armenische Wurzeln, er spricht Russisch und hat Freunde und Familie in Russland und der Ukraine. Krieg hat der heute 44-Jährige in Georgien Anfang der 90er-Jahre miterlebt, auf seinem Schulweg hört er Schüsse und sitzt im Klassenzimmer neben bewaffneten georgischen Jungs. Nach Deutschland kommt er wenig später. Sein Vater, ein Architekt, musste in Tschernobyl beim Katastrophenschutz helfen und wird anschließen in der Radiologie-Klinik Teupitz behandelt. Er findet Arbeit in Deutschland und holt seine Familie nach.

Die zweite Lieferung bringt Herkules eine Woche später über Moldawien in die Ukraine.  „Moldawien ist ein armes Land, doch die Leute helfen, wo sie können“, berichtet der Berliner. Eine Familie in einer Einzimmerwohnung hätte noch Frauen mit Kindern aufgenommen. Moldawien hat Herkules nun schon hinter sich gelassen, heute fährt er über rumänische Straßen Richtung Deutschland, wo er ruhiger schlafen kann, wo nachts keine bewaffneten Gestalten umherlaufen, wo man die russischen Truppenbewegungen auch einen Moment vergessen kann. – Foto: privat

  • Mehr Informationen zur Hilfsaktion gibt es auf der Facebookseite von Kin Za. Spenden werden im Kin Za (Krausnickstraße 23, 10115 Berlin) entgegengenommen.