Nachbarschaft

Veröffentlicht am 14.09.2022 von Pauline Faust

Bäume retten, Geld sparen und den Verkehr verbessern. Die M10 wird bis 2028 zur Ost-West-Verbindung, die Tram wird Friedrichshain und Charlottenburg-Nord verbinden. Auch über die Turmstraße wird die Straßenbahn dann geführt, den Lageplan dafür hat die Senatsverwaltung für Verkehr vor den Sommerferien vorgestellt. Bei der Nachbarschaftsgruppe Stadtteilvertretung Turmstraße stößt dieser jedoch auf wenig Begeisterung, sie hat ein alternatives Modell entwickelt. Daran beteiligt ist auch Wulf Heineking-Fürstenau, ehemals leitender Tramplaner des Infrastrukturbereichs der BVG: ein Mann, der solche Pläne sein ganzes Berufsleben lang entworfen hat.

„Als ich 2020 in Rente ging, sagte ich den Kollegen: Da habt ihr Pech, dass ich hier wohne“, erzählt Heineking-Fürstenau. Er war noch an der Planung der M10 von Hauptbahnhof nach Turmstraße beteiligt, dort soll die Tram schon 2023 fahren. „Das war mein letztes Baby“, sagt der Rentner. Nun folgt die Planung für die Verbindung der Turmstraße mit der Jungfernheide.

Die Entwurfsskizze der Senatsverwaltung sieht ein eigenes begrüntes Gleisbett der Straßenbahn, getrennt vom Kfz-Verkehr vor. In einigen Straßen soll die Bahn dann aber auf der Fahrbahn verkehren, „um breitere Geh- und Radwege zu ermöglichen und den Baumbestand zu erhalten“, so beschreibt die Verwaltung die Planung auf ihrer Website.  Mit dem grünen Gleisbett würde die Querung der Straße an vielen Stellen untersagt, kritisiert die Stadteilvertretung.

Durch die Senatsplanung werden laut Heineking-Fürstenau zwei Maste, also auf beiden Straßenseiten, für die Oberleitung der Straßenbahn benötigt. Preiswerter sei ein Mast im Mittelstreifen. Zudem würde er Zufußgehenden und Radfahrenden nicht im Weg stehen. Außerdem könnte es sein, dass ein Bau der Maste auf dem Gehweg eine aufwendige Verlegung von Gas- und Wasserleitungen erfordere. Dabei wurde ein Großteil des Gehwegs im Sanierungsgebiet erst vor einiger Zeit aufwendig erneuert. „Diese Planung ignoriert die Arbeit der vergangenen zehn Jahre im Sanierungsgebiet und vernichtet getätigte Investitionen in Millionenhöhe“, meint Christine Pradel, Koordinatorin der AG Mobilität der Stadtteilvertretung Turmstraße.

Doch die Verwaltung lasse nicht mit sich reden und die Bürger:innen auch nicht in die technischen Pläne blicken. „Ich hätte nicht erwartet, dass dort so gemauert wird“, so Pradel. Auch der Berliner Abgeordnete Taylan Kurt (Grüne) kritisiert die Verwaltungspläne und sieht ein generelles Problem: „Die Arbeitsebenen der Verwaltung gehen zu wenig auf Anwohnende ein. Dabei kennen diese sich in der Gegend am besten aus und sollen später das Geplante nutzen.“ Seine Partei plane einen Beschluss, der die Senatsverwaltung zur Überarbeitung der Pläne auffordert.

Was wünschen sich die Anwohnenden? So beschreibt die Stadtteilvertretung ihre Pläne: „Es ist ein durchgehend breiter Mittelstreifen zur Erleichterung der Querung der Geschäftsstraße vorgesehen, der die Oberleitungsmaste für die Tram sowie teilweise auch die Bahnsteige und Wartebereiche aufnehmen soll. Die Tram wird in diesem Modell durchgehend straßenbündig geführt. Das ist eine platzsparende Lösung, die das Fällen von 21 Bäumen in den Seitenbereichen unnötig macht. Radelnde behalten ihren Platz auf der Fahrbahn, und in dem dann noch verbleibenden Raum werden Lieferzonen und Radabstellanlagen eingerichtet.“ Das Alternativmodell sieht zudem eine gemeinsame Umstiegs-Haltestelle (Tram M10, Busse 123 und 106) auf der Höhe Beusselstraße vor.

Was die Senatsverwaltung davon hält bleibt unklar, sie würde bisher Gespräche mit der Stadteilvertretung ablehnen. Die Senatsverwaltung für Verkehr konnte bis Redaktionsschluss keine Antwort liefern.

  • Foto: Christine Pradel (l.) und Wulf Heineking-Fürstenau stellen auf dem Fest Turmstraße die Pläne vor. Fotografin: Faust
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