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von Madlen Haarbach

Veröffentlicht am 30.10.2019

In den vergangenen Tagen wurde viel über Drogenkonsum im öffentlichen Straßenraum debattiert – insbesondere mit Blick auf den Nachbarbezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Dort sorgt vor allem der Görlitzer Park für Schlagzeilen: Während Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) auf mehr Polizeipräsenz setzen will, fordern die Koalitionspartner im Senat (gemeinsam mit Suchtforscher*innen) eine neue Drogenpolitik. „Wer den Schwarzmarkt im Görli austrocknen will, muss auch über die kontrollierte Abgabe von härteren Drogen nachdenken“, sagte etwa der Neuköllner-Linkenpolitiker und drogenpolitischer Sprecher der Linken im Abgeordnetenhaus, Niklas Schrader, meinem Kollegen Julius Betschka. Auch die Grünen denken laut über einen „Eigenbedarf“, analog zum bereits bei Cannabis praktizierten Modell, für harte Drogen nach.

Die zuständige Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) plant nun einen Drogenkonsumraum am Kottbusser Tor, der – wie auch der Neuköllner Konsumraum in der Karl-Marx-Straße – von Fixpunkt betreut werden soll. Dadurch sollen, so Herrmann, „Fixer von der Straße geholt“ werden. Der Vorschlag bringt ihr Kritik aus dem Neukölln: Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU), der auch den Neuköllner Drogenkonsumraum ausgesprochen kritisch sieht, hält die Maßnahmen für unzureichend. Er begrüße es zwar, dass der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg „nun doch gegen den öffentlichen Konsum illegaler Drogen“ vorgehen will, teilt Liecke in einer Pressemitteilung mit. Allerdings sei die Idee, mit einem stationären Konsumraum das Problem des öffentlichen Drogenkonsums zu lösen, bereits widerlegt. Liecke verweist auf Spritzenfunde in direkter Nähe des Konsumraums und sich häufende Anwohner*innenbeschwerden. Stattdessen fordert Liecke eine mobile Suchthilfe, die sich nach den Drogenkonsument*innen und deren Standorten richten müsse. „Dazu muss der Senat mindestens drei Beratungs- und Konsummobile pro Bezirk bereitstellen, anstatt teure Umbauten und ständig steigende Mieten zu finanzieren“, so Liecke weiter.

Außer Acht lässt Liecke hierbei Gründe, die für ein stationäres Angebot sprechen: Neben einer deutlich angenehmeren Aufenthaltsqualität für Konsument*innen und Mitarbeiter*innen – gerade im Winter, Stichwort: Heizung – ist in stationären Räumen auch inhalativer Konsum möglich, also das Rauchen mitgebrachter Drogen. Der Neuköllner Drogenkonsumraum betreut monatlich mehr als doppelt so viele Konsument*innen wie das zuvor auf der anderen Straßenseite platzierte Konsummobil. Im September nutzten insgesamt 151 Konsument*innen den Raum, im März waren es noch 75. Das geht aus dem Monatsbericht von Fixpunkt hervor, der dem Tagesspiegel vorliegt. Besonders hoch ist die Zahl des inhalativen Konsums, mit 1043 von insgesamt 1634 Konsumvorgängen. Jener ist in mobilen Räumen nicht möglich.

Es ist äußert fraglich, ob die Spritzenfunde in direkter Nähe zum Konsumraum nicht vielmehr ein Zeichen der unzureichenden Öffnungszeiten sind – und ob diese (ähnlich wie die Anwohner*innenbeschwerden) nicht auch bei mobilen Einrichtungen mit ähnlich beschränkten Öffnungszeiten auftreten würden. Zumal Christian Berg, Sprecher von Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD), Liecke in diesem Punkt dezidiert widerspricht: Sowohl Ordnungsamt und das Grünflächenamt als auch die Polizei
würden berichten, dass im Umfeld des Konsumraums der Konsum im öffentlichen Straßenraum spürbar geringer geworden ist, betont Berg. Einen Anstieg des Konsums im öffentlichen Raum gebe es besondere im Süden des Bezirks.

Kreuzberg hat bereits selbst Erfahrungen mit stationären Angeboten gemacht: In der Reichenberger Straße 131, unweit des Kottis, betreibt Fixpunkt bereits seit 2007 den Drogenkonsumraum „SKA“. Fraglich ist hier vielleicht eher, wie zielführend zwei Konsumräume in unmittelbarer Nachbarschaft sind.

Mehr zur Drogenproblematik in Neukölln lesen Sie unter „Namen & Neues“. Zunächst schauen wir auf ein Spiel, dass für manche längst – Verzeihen Sie die Analogie – auch zur Droge geworden ist. Am Samstag findet das Berlin-Derby, das Spiel Hertha BSC gegen den 1. FC Union statt. Wir haben uns vorher mit der Hertha-Fan-Ikone Manfred „Manne“ Sangel über Neuköllner Fußballleidenschaft unterhalten – und über die besten Orte im Bezirk, das Spiel öffentlich zu erleben.

Madlen Haarbach ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Sie freut sich über Kritik, Anregungen und Tipps bei Twitter oder per E-Mail.

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