Intro

von Nina Breher

Veröffentlicht am 26.02.2020

Der rechtsextreme Anschlag in Hanau, bei dem zehn Menschen umgebracht wurden, war auch ein Anschlag auf Neukölln – auf uns direkt oder auf unsere Nachbar*innen und Freund*innen. Neun der zehn Opfer wurden vor oder in Shisha-Bars getötet, das Motiv des Täters war rassistisch. Dass der traditionell diverse Bezirk Neukölln von so einem Anschlag besonders betroffen ist, war auf dem kurzfristig organisierten Trauermarsch deutlich zu spüren: Die Leute waren betroffen – und wütend.

2800 Menschen versammelten sich am Donnerstagabend auf dem Hermannplatz und auf der Sonnenallee, um der Opfer zu gedenken. Deutlich mehr als am Brandenburger Tor: Dort kamen etwa 500 Menschen zusammen. Am Hermannplatz trafen mein Kollege Muhamad Abdi (sein Video zur Demo finden Sie hier) und ich den Linken-Politiker Ferat Kocak. Gerade weil es auch in Neukölln immer wieder zu rechter Gewalt komme, sei es, sagte Kocak, „wichtig, dass wir uns hier treffen – und nicht am Brandenburger Tor. Wir müssen solidarisch mit Betroffenen und möglichen Betroffenen von rechtem Terror sein.“

Kocak ist selbst von der rechten Gewalt betroffen, über die er mit uns sprach: Im Februar 2018 zündeten Unbekannte sein Auto in Neukölln an. Die Spur führt ins rechte Milieu (tagesspiegel.de). Auch deshalb mache ihm „jeder weitere Vorfall Angst. Das führt aber auch dazu, dass ich aktiver werde gegen Rechtsextremismus.“ Eine 44-jährige Demo-Teilnehmerin sagte am Rande der Demonstration: „Alle sollten heute hier sein. Etwas muss sich ändern.“ Auch aus den Fenstern vieler Häuser auf der Sonnenallee guckten am Donnerstagabend Anwohner*innen, einige von ihnen verliehen ihrer Unterstützung für den Trauermarsch Ausdruck, indem sie in die Sprechchöre einstimmten. Kurzum: Solidarität war zumindest an diesem Abend zu spüren.

Weiter südlich, am anderen Ende Nord-Neuköllns, habe ich mit dem Betreiber und einigen Gästen einer Shisha-Bar gesprochen. Der kurdisch-deutsche Wirt sagte am Samstag, seit dem Anschlag habe er zwar nicht mehr Angst, seine Kollegen und die anwesenden Gäste bestätigen das. „Aber natürlich haben wir in den letzten Tagen hier diskutiert, was wir machen würden, wenn plötzlich einer das Café mit einer Waffe stürmen würde. Wir haben uns darauf geeinigt, dass das unwahrscheinlich ist – und dass wir uns vor Anschlägen wie diesen sowieso nicht schützen könnten.“ Dass Gäste jetzt aus Angst wegbleiben könnten, glaubt er nicht. Er könne sich aber vorstellen, dass die Eltern seiner Gäste ihre Kinder warnen könnten, in Shisha-Bars zu gehen. Er hoffe, dass seine Gäste weiterhin ganz normal die Bar besuchen: „Wenn wir jetzt unser Verhalten ändern, hätten die Leute, die mit solchen Anschlägen Angst verbreiten wollen, ja schon gewonnen.“

Mit Sorge beobachte er, dass rechtsextreme Ansichten in den letzten Jahren immer salonfähiger würden – gegenüber ihm, seinen Freund*innen und Verwandten, im Internet. „Seit die AfD erstarkt ist, sind die Leute mutiger geworden, ihre rechtsextremistischen Ansichten zu äußern. Das fing schon mit Thilo Sarrazins Buch an“, sagte er. Jetzt äußere sich dieses Erstarken in Anschlägen wie dem gegen eine Synagoge in Halle oder eben gegen die Shisha-Bars in Hanau. Er zeigte mir das Foto eines AfD-Plakats auf seinem Handy, das eine Verwandte ihm einige Stunden zuvor geschickt hat. „Sie impfen die Menschen mit rechtem Gedankengut. Und dann entsteht dieser Hass.“ Ein Stammgast der Shisha-Bar sagte, er sehe auch die Medien in der Verantwortung: „Wenn ich einem Kind, das ich erziehe, nur Schlechtes über die Welt erzähle, hat es Angst und wird die Außenwelt als bedrohlich wahrnehmen – auch als Erwachsener.“ Es störe ihn, dass in der Debatte um Bezirke wie Neukölln und um Orte wie Shisha-Bars so viel pauschalisiert werde.

Das betreffe auch die Razzien gegen Clan-Kriminalität, die in Neukölln stattfinden. Im Zusammenhang mit sogenannten Schwerpunkteinsätzen gegen organisierte Kriminalität finden häufig Razzien in Shisha-Bars statt. Der Bar-Betreiber sagte, in seinem Lokal finde „mindestens ein Mal im Monat eine Razzia statt“. Sie seien schlecht für das Geschäft und würden Vorurteile gegenüber Shisha-Bars und ihre Gäste schüren: „Natürlich denken die Leute, ich habe Dreck am Stecken, wenn hier jeden Monat die Polizei steht. Das würde ich auch.“ Bis auf eine von einem Besucher begangene Ordnungswidrigkeit sei in seinem Laden nie etwas gefunden worden. „Mit Clans und Drogen haben wir nichts zu tun, wir versteuern alles. Diese Shisha-Bar ist ein ganz normales Geschäft.“ Trotzdem ist er sicher, dass es wieder eine Razzia geben werde. Er sagte: „Ich habe ehrlich gesagt mehr Angst vor der Polizei als vor rechten Anschlägen.“

Melly, 27 Jahre alt, ist Teil der Initiative „Kein Generalverdacht“ und sieht die Razzien kritisch. Sie setzt sich gegen die Stigmatisierung durch Razzien ein. Meinen Kolleg*innen Madlen Haarbach und Leon Ginzel sagte sie: „Die finden mittlerweile ständig in allen Shisha-Bars statt, da wird überhaupt kein Unterschied mehr gemacht.“ Gefunden würde in der Regel nichts, allerdings entstehe bei den Besuchern sofort ein Bild im Kopf: „Wenn da 70 bewaffnete Polizisten die Bar stürmen, denken viele sofort: Okay, dann muss der Betreiber ja schwer kriminell seien“, sagte Melly. Sie sagte, viele Menschen seien nach Attentaten verunsichert und würden dann bestimmte Orte eher meiden, das gelte für Shisha-Bars wie auch für Weihnachtsmärkte.

Nina Breher ist Volontärin beim Tagesspiegel. Seit sie 2008 aus dem Ruhrgebiet nach Neukölln zog, ist sie hier zu Hause. Sie freut sich über Kritik, Anregungen und Tipps bei Twitter oder per E-Mail.

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