Intro

von Nina Dworschak

Veröffentlicht am 26.05.2020

wenn Sie sich selbst beschreiben müssten, wer würden Sie sein? Welche Charaktereigenschaften zeichnen Sie aus, welches Verhalten, welcher Besitz? Was sollen andere von Ihnen wissen, was nicht? Es ist keine leichte Aufgabe, sich selbst zu definieren.

Jetzt stellen Sie sich vor, Sie werden beschrieben. Bestimmt werden Eigenschaften erwähnt, die Sie selbst nicht genannt hätten – oder die Sie an sich selbst noch nie wahrgenommen haben. Vielleicht fühlen Sie sich falsch verstanden, vielleicht erkennen Sie eine neue Seite an sich, vielleicht hätten Sie es lieber nie gehört.

Unser Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt hat gemeinsam mit Kolumnist Harald Martenstein ein Buch geschrieben, in das wir vorab einen Blick werfen konnten: „Berlin in 100 Kapiteln, von denen leider nur 13 fertig wurden“. Sie charakterisieren darin die Stadt mit ihren Eigenheiten und Verfehlungen (BER, *hust*). Auch die verschiedenen Bezirke („jeder tickt anders“) werden vorgestellt. Hier ein Auszug aus dem Neukölln Kapitel „Der Machobezirk“:

„In Neukölln haben bekanntlich Migranten verschiedenster Provenienz ihr Hauptquartier, mit sämtlichen dazugehörigen Licht- und Schattenseiten. Näheres erfährt man aus der Neukölln-Fernsehserie 4 Blocks. (…) Aus einem ähnlichen Holz ist Heinz Buschkowsky geschnitzt, der langjährige offizielle Bürgermeister von Neukölln, der aufgrund seiner ramadanhaften Schnörkellosigkeit prima mit den Leuten zurechtkam.

Neukölln ist auch das Reservat der letzten volkstümlichen Sozialdemokraten. Wer einen Vollmacho fragt, ob es eine Frau geben könnte, vor der sogar einer wie er echt Respekt hat, bekommt die Antwort: »Wenn du noch ein Wort über meine Mama sagst, kriegst du eins auf die Schnauze.« Insofern war die mütterliche Franziska Giffey eine wirklich ideale Nachfolgerin für Heinz Buschkowsky. (…)

Die Berliner Jugend benutzt Neukölln als Abenteuerspielplatz. Wohnungspreise und Mieten sind allerdings oft nur noch für erfolgreiche Jungunternehmer geeignet. Döner, Fufu und Mate kann sich noch jeder leisten. Besserverdienende ältere Jahrgänge haben rund um den bildschönen Richardplatz, ehedem der Dorfanger von Rixdorf, ihre unsichtbare Wagenburg errichtet. (…)

Besserverdienende bedauern jeden Tag, dass sie nicht rechtzeitig eine Wohnung im Schillerkiez gekauft haben, wo seit der Umwidmung des nahe gelegenen Tempelhofer Feldes in eine Amüsiermeile für Skateboardfahrer und Lifestyle-Exhibitionisten immobilienmäßig die Luzie abgeht. Neuköllner*innen aller Generationen tragen oben herum entweder Kopftuch oder lila Haare mit Totenkopf-Tattoo, um den vierzehnten Geburtstag herum entscheiden sie sich.“

Na, erkennen Sie sich wieder? Ist das Ihr Neukölln? Sind das Ihre Nachbar*innen? Was hätten Sie verschwiegen, was haben Sie bisher nicht erkannt? Und: Was sehen Sie komplett anders? Schreiben Sie uns Ihre Meinung an leute-m.haarbach@tagesspiegel.de.

Weniger nachdenklich geht es im Newsletter bis zum Kiezgespräch weiter. Los geht es mit den bezirkliche Eigenheiten in dieser Woche.

Nina Dworschak ist derzeit Homeoffice-Praktikantin beim Tagesspiegel. Dort kümmert sie sich um schicke Leute-Newsletter und Stadtlebentipps im Checkpoint. Empfänglich für Kritik, Anregungen und Berlin-Tipps ist sie auf Twitter oder per E-Mail.