Intro

von Madlen Haarbach

Veröffentlicht am 13.01.2021

die Nachrichten sind gerade vor allem von dem Thema dominiert, das uns bereits fast das gesamte vergangene Jahr beschäftigte: Corona. Während Bundesregierung und Senat immer neue Regelungen beschließen, die sich – zumindest gefühlt – kaum auf die tatsächlichen Infektionszahlen auswirken, ist allerdings von der Solidarität zu Beginn der Coronakrise kaum noch etwas zu spüren. Erinnern Sie sich noch? Damals hingen in vielen Wohnaufgängen Zettel, auf denen Menschen anboten, für andere Menschen einkaufen zu gehen. An Straßenecken und Bauzäunen entstanden Gabenzäune für Obdachlose.

Mittlerweile drängt sich der Eindruck auf, dass viele nur noch damit beschäftigt sind, die Schuldigen für die aktuelle Situation zu finden. Da ist die Politik, die wahlweise zu strenge oder zu lockere Regeln beschließt, die wahlweise alle zwangsimpfen oder viel zu wenig impfen lässt. Da ist die altbekannte „Jugend von heute“, die (angeblich) ihre Zeit mit illegalen Coronapartys und Massentreffen verbringt (hier ein lesenswerter Kommentar meiner Kollegin Nina Breher). Da sind die Senior*innen, die mit Nase über der Maske Bahn fahren und die langersehnte Impfung verweigern. Da sind die Schulen, die die Digitalisierung verschlafen haben, die Arbeitgeber*innen, die das Homeoffice verweigern. Da sind die Tourist*innen, die trotz allem einfach in den Urlaub fahren.

Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Wo ist sie geblieben, die Solidarität,  gerade jetzt, wo wir – in Zeiten der 15-Kilometer-Regel – zumindest symbolisch noch enger zusammenrücken müssen? Wenn man ganz genau hinsieht, gibt es sie immer noch, die Menschen, die sich für ihre Mitmenschen engagieren und nicht nur, typisch Berlin eben, meckern. Da sind etwa Menschen wie unsere heutigen „Nachbar*innen“ Ralf Abitz und Christina Mildt, die sich für einen fast vergessenen Friedhof engagieren. Und da sind die dutzenden Menschen, die am Sonntag zusammenkamen, um eines Menschen zu gedenken, den viele sonst übersehen. Vergangene Woche starb, mitten im Schillerkiez, einem der gentrifiziertesten Viertel der Stadt, ein 33-jähriger, obdachloser, schwer kranker Musiker. Und nun fragen sich nicht nur seine Freunde: Wie konnte das passieren? Wie kann ein Mensch derart durch alle Netze rutschen?

Madlen Haarbach ist Redakteurin im Berlin-Ressort beim Tagesspiegel. Sie freut sich über Kritik, Anregungen und Tipps bei Twitter oder per E-Mail.