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von Madlen Haarbach

Veröffentlicht am 15.09.2021

im Urlaub stolperte ich in Wien kürzlich über die sogenannten „Schanigärten“. Die sind quasi das wienerische Pendant zu unserem Biergarten, allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Schanigärten befinden sich immer auf öffentlichem Grund, und zwar meistens auf Flächen, die früher Parkplätze waren. Andere findet man auf Plätzen und in Fußgängerzonen. Insgesamt 4200 Schanigärten soll es mittlerweile in Wien geben, gefühlt auf jeden Fall einen vor jedem Lokal und jeder Kneipe.

Das Schöne? Nicht nur der zusätzliche Platz im öffentlichen Raum, freie Gehwege und die zusätzlichen Einnahmequellen für Gastwirt:innen, sondern auch die individuelle und meist sehr liebevolle Gestaltung. In Wien, wo öffentliches Grün eher Mangelware ist, sorgen Schanigärten für bunte Farbtupfer. Selbst in München hat sich der Trend mittlerweile herumgesprochen (br.de).

Und was hat das jetzt mit Neukölln zu tun? Je nach Betrachtungsweise viel oder wenig, denn in Neukölln gibt es genau: Null Schanigärten. Und das, obwohl zumindest in Coronazeiten Sonderregelungen gelten sollten, die es Gastwirt:innen ermöglichen, auch Tische auf angrenzende Parkplätze zu stellen. Neben Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf hatte auch Neukölln besondere Regeln für die sogenannte Pop-up-Gastronomie (der vllt. etwas hippere, aber auch irgendwie unromantischere Begriff für Schanigarten) erlassen (hier als PDF).

Rein bürokratisch formuliert liest sich die Neuköllner Strategie in dem Punkt so: „Die Nutzung von öffentlichen Parkplätzen als Schankvorgarten wird erlaubt, wenn im konkreten Einzelfall überwiegende öffentliche Interessen dem nicht entgegenstehen.“ Das geht aus einer Antwort des Senats auf eine Anfrage des Abgeordneten Georg Kössler (Grüne) hervor. Diese öffentlichen Interessen können demnach etwa der Verkehr sein, was schon andeutet, dass Interessenskonflikte zwischen Parkplatzsuchenden und Gastrobesuchenden vorprogrammiert sind.

In der gleichen Antwort steht auch die Zahl derjenigen Neuköllner Gastro-Betriebe, die einen Schanigarten (wir bleiben mal bei der schöneren Wortwahl) auf einem Parkplatz beantragt haben: Insgesamt sechs. Und was ist mit diesen sechs Anträgen passiert? „Vier dieser sechs Anträge wurden abgelehnt, zwei weitere wurden durch die Antragstellenden zurückgezogen“, heißt es in der Antwort. Übrigens meldeten, auch der Antwort zufolge, bis Juni 2021 mindestens 26 Neuköllner Kneipen und Restaurants Insolvenz an, darunter etwa die Palsta Winebar in der Oderstraße (berliner-zeitung.de/Abo).

Fragesteller Kössler sieht in der Ablehnung der wenigen Anträge einen Beleg für die „Autoideologie“ der SPD und deren Bezirksbürgermeister Martin Hikel. Das ist übrigens nur ein aktueller Konfliktpunkt zwischen Grünen und SPD im Bezirk, die sich zur Zeit regelmäßig in die Wolle bekommen. Mehr dazu – und zu den möglichen Gründen am Wahlpanorama – weiter unten unter „Namen & Neues“.

Gefragt nach den Gründen für die Ablehnungen sagt Christian Berg, Sprecher des Bezirksbürgermeisters, dass sich die beantragten Schanigärten an Stellen befunden hätten, die „zu gefährlich“ gewesen wären – etwa durch Querparkplätze auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Beim Zurücksetzen hätten diese Querparker eine konkrete Verkehrsgefährdung für Gäste am Fahrbahnrand bedeutet“, sagt Berg. Als anderes Beispiel nennt er Schwenkbereiche von Einfahrten. „Grundsätzlich ist die Genehmigung von Außengastronomie auf Parkflächen möglich. Das Bezirksamt hat aber die Verkehrssicherheit für alle Verkehrsteilnehmenden sicherzustellen; die Hürden liegen daher vergleichsweise hoch. Deshalb haben wir auch sehr großzügige Regelungen auf den Gehwegen geschaffen, von denen viele Betriebe auch Gebrauch machen“, heißt es weiter.

Und die Schanigärten? Wird es wohl auf absehbare Zeit in Neukölln nicht geben. Übrigens: Das Schanigarten-Prinzip gilt österreichischen Freund:innen auch als beliebte Eselsbrücke für die Zeitumstellung. Das Motto: Wird der Schanigarten vor das Haus geräumt, wird die Zeit nach vorne gestellt – wird er für den Winter wieder zurück geräumt, kehrt auch die Zeit in den Wintermodus zurück. Darauf erstmal ein Stück Sachertorte.

  • Madlen Haarbach ist Redakteurin im Berlin-Ressort beim Tagesspiegel. Sie freut sich über Kritik, Anregungen und Tipps bei Twitter oder per E-Mail.