Kultur

Migrationsrat kritisiert Neuausschreibung der Werkstatt der Kulturen

Veröffentlicht am 03.07.2019 von Madlen Haarbach

In einem offenen Brief an Kultursenator Klaus Lederer (Linke) kritisiert der Berliner Migrationsrat die Neuausschreibung der Werkstatt der Kulturen – einem, wie es heißt, einzigartigen Projekt, bei dem „marginalisierte und rassistisch markierte Akteur*innen aus der Zivilgesellschaft einen Raum für Empowerment geboten bekommen“. Dass die Werkstatt neu ausgeschrieben werden soll, stand bereits im Koalitionsvertrag. Allerdings ist unklar, warum. Das bedeutet für die jetzigen Betreiber*innen Unsicherheit darüber, wie es weitergeht. Den Brief unterzeichneten unter anderem zahlreiche Künstler*innen und Musiker*innen aus Berlin.

„Wir sind enttäuscht darüber, dass Sie als Kultursenator und Ihre Senatsverwaltung für Kultur und Europa kein Interesse daran haben, die bisherige transkulturelle und dekoloniale Arbeit der Werkstatt der Kulturen zu würdigen und diese stattdessen nun als “Kulturstandort Wissmannstraße 32/ Neukölln” in die Ausschreibung geben“, heißt es in dem Brief. Und weiter: „In diesem Schritt erkennen wir eine hegemoniale Überheblichkeit, die bestehende Arbeit ignoriert und zivilgesellschaftliche Bemühungen missachtet.“ Wie wäre es, wenn der Senator die Volksbühne als „Kulturstandort Linienstraße 227/Mitte” ausschriebe?, fragt der Brief. Sie werfen ihm Mitverantwortung an der Marginalisierung der (post)migrantischen Stadtgeschichte vor. Der Senat verkenne die Signifikanz der Werkstatt der Kulturen und gebe vor, es handele sich um einen „neutralen Ort ohne Vorgeschichte“.

Die Unterzeichner*innen fordern ein transparentes, partizipatives Verfahren und Ressourcen für ein neues Antragsverfahren „durch Bildung eines Konzepts, an dem die Expertisen marginalisierter Communities und Expert*innen postkolonialer Erinnerungskultur maßgeblich zum Tragen kommen.“ Die bisherigen Akteur*innen sollen mit einbezogen werden, die Benachteiligung gegenüber anderen Kulturstätten beendet sowie der Trägerverein in anderer Rechtsform, mit klarer Perspektive für eine institutionelle Förderung, neu aufgestellt werden.

„Mir ist nicht bekannt, was da wann, wie, durch wen verhandelt wurde“, sagt Philippa Ebéné meiner Kollegin Ann-Kathrin Hipp auf Nachfrage. Seit 2008 leitet Ebéné die landeseigene Kulturstätte. Im Mai dieses Jahres sei sie über die anstehende Ausschreibung informiert worden, ein Angebot habe es nicht gegeben. Ein Angebot „bei dem die finanziellen Mittel stimmen, würde vermutlich niemand ausschlagen“, sagt sie, auch sie nicht. Und ergänzt: „Berlin ist eine Stadt, die sich drei Opernhäuser leistet. Just, wenn es um Kulturproduktionen zur Repräsentanz von migrantischen und diasporischen Perspektiven bzw. Diversity in der Kulturlandschaft geht, stehen keine Programmmittel zur Verfügung.“

Die Senatsverwaltung für Kultur verwies auf Anfrage von Hipp auf den Koalitionsvertrag und betonte, dass sich „selbstverständlich auch gegenwärtige Akteure bewerben können“. Man sei nicht „für oder gegen jemanden“, der Prozess offen. Es liege auf der Hand, dass man nach der Vergabe „eine Planungssicherheit finden muss“.

Die Werkstatt der Kulturen liegt übrigens in der Wissmannstraße, die wegen dem kolonialen Hintergrund ihres Namensgebers umbenannt werden soll. Bei der vergangenen BVV kündigte Bildungsstadträtin Karin Korte (SPD) an, dass im Herbst ein abteilungsübergreifender Beteiligigungsprozess in den Ausschüssen vorgestellt werden soll. Aktuell ist geplant, die Wissmannstraße nach einer Person des afrikanischen Widerstandes gegen den Kolonialismus zu benennen und parallel über die deutsche Kolonialgeschichte aufzuklären.

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