Namen & Neues

Protest gegen Micro-Living-Projekt: Aktivist*innen besetzen Brachfläche in der Braunschweiger Straße

Veröffentlicht am 19.06.2019 von Madlen Haarbach

149 Wohnungen zwischen 28 und 68 Quadratmetern sollen auf der Brachfläche in der Braunschweiger Straße 21 entstehen, auf der sich bis vor kurzem ein Edeka befand. Neuer Wohnraum klingt erstmal gut – hat in dem Fall aber einen Haken: Bei dem „Micro-Living“-Projekt der Nagel Properties handelt es sich ausschließlich um Eigentumswohnungen, die für durchschnittlich über 6000 Euro pro Quadratmeter verkauft werden – also nicht gerade um bezahlbaren Wohnraum.

Foto: DaWoEdekaMaWa-Kollektiv

In der Nachbarschaft stoßen die Baupläne auf wenig Begeisterung. Seit Mitte Mai haben Aktivist*innen die Fläche besetzt und dort einen Gemeinschaftsgarten errichtet. Die Anwohner*innen fürchten eine weitere Aufwertung des Kiezes. „Wir finden diese Preise nicht bezahlbar, vor allem nicht in dieser Gegend“, sagt eine der Besetzer*innen, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Mit dem Garten wollen die Besetzer*innen zeigen, dass die Fläche genutzt wird – und sichtbar machen, wie die Fläche als sozialer Raum genutzt werden könnte. Die Gruppe spielt auf das ehemalige Edeka an und nennt sich „DaWoEdekaMaWa“. Laut Aussage der Besetzer*innen gab es am Montag auch einen ersten Räumungsversuch durch den Eigentümer, der allerdings nicht erfolgreich war.

Aus Sicht von Stadtentwicklungsstadtrat Jochen Biedermann (Grüne) handelt es sich bei dem Bauprojekt nicht um klassische Micro-Apartments, die in der Regel nur aus Apartments mit sehr geringer Wohnfläche bestehen. Er sehe allerdings den Trend zu Microapartments generell sehr kritisch, sagt Biedermann, „weil sie zumeist sehr hochpreisig vermietet werden, aber auch weil sie den Druck auf die öffentliche Infrastruktur erhöhen, weil sich aufgrund der Beengtheit viele Aktivitäten fast zwangsläufig in den ohnehin vielfach schon übernutzten öffentlichen Raum verlagern.“ Daher habe das Bezirksamt sich etwa bei der Fortschreibung der Sanierungsziele für das Sanierungsgebiet Sonnenallee/Karl-Marx-Straße sehr kritisch mit dem Thema auseinander gesetzt und versuche,  Microapartment-Neubauten wo möglich auch über das Sanierungsrecht zu verhindern. „Aber selbst wenn dieses Objekt im Sanierungsgebiet läge, würde das bei den realen Grundrissen kaum darunter fallen“, so Biedermann.

Dennoch werde aus seiner Sicht bei dem Projekt klar am dringenden Bedarf vorbei gebaut. „Dass es für diese Art von Projekten allerdings keine Möglichkeiten für eine verpflichtende Sozialbindung gibt, ist aus meiner Sicht riesengroßer Mist, ich weise darauf schon seit langem hin“, sagt Biedermann. Preisgebundenen Wohnraum kann der Bezirk nur bei der Aufstellung eines Bebauungsplanes vorschreiben, nicht bei Nachverdichtungen wie jenem in der Braunschweiger Straße.

Direkte Kontakte zwischen Bezirk, Eigentümer und Besetzer*innen gab es demnach bislang nicht. Er selbst habe persönlich „durchaus Sympathie für symbolische Aktionen, die darauf hinweisen, wie wenig das, was gegenwärtig (vor allem) gebaut wird, mit den Bedürfnissen der hier lebenden Menschen zu tun hat. Natürlich würde ich es auch sehr begrüßen, wenn dort – wie auch an vielen anderen Stellen im Bezirk – vor allem oder zumindest auch bezahlbare Wohnungen entstehen würden. Eine rechtliche Handhabe hierzu haben wir aber bedauerlicherweise nicht“, sagt Biedermann.

Auf der Webseite der Nagel Properties ist das Angebot mittlerweile nicht mehr zu finden, Anfragen lässt das Immobilienunternehmen unbeantwortet. Die Besetzer*innen geben derweil nicht auf und laden am heutigen Mittwoch, 18. Juni, ab 18 Uhr zum Protestpicknick auf der Fläche.

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