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Wie der Ausbau der Weserstraße zur Fahrradstraße aussehen könnte

Veröffentlicht am 14.08.2019 von Madlen Haarbach

Wie der Ausbau der Weserstraße zur Fahrradstraße aussehen könnte. Das Maybachufer in Berlin-Neukölln zählt zu den Orten, an denen berlinweit am meisten Radfahrer*innen registriert werden. Mit durchschnittlich 5032 Radfahrer*innen täglich registrieren nur die Fahrradzählstellen an der Jannowitzbrücke (8162 Radfahrer*innen täglich), an der Oberbaumbrücke (5815) und der Berliner Straße in Pankow (5399) mehr Radfahrer*innen. Die tagesaktuellen Daten der insgesamt 17 Automatischen Dauerzählstellen für den Radverkehr in Berlin finden Sie hier. Im vergangenen Jahr registrierten die Zählstellen einen Anstieg des Radverkehrs von rund neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das heißt: Immer mehr Menschen in Berlin nutzen das Rad – obwohl die Infrastruktur weiter unzureichend ist.

In Neukölln will das Bezirksamt die Verkehrswende vorantreiben – und setzt unter anderem auf die Umwidmung von Nebenstraßen in Fahrradstraßen. Erst kürzlich wurde außerdem die erste Protected Bikelane, also geschützte Radspur, in der Karl-Marx-Straße eröffnet – allerdings nur in einer Fahrtrichtung. Im Reuterkiez gibt es bereits drei Straßenabschnitte, die zur Fahrradstraße umgewidmet wurden: Neben dem nördlichen Abschnitt der Weserstraße auch Teile der Pflügerstraße sowie des Weigandufers. In Fahrradstraßen haben Fahrradfahrer*innen Sonderrechte – sie dürfen nebeneinander fahren und haben in der Regel Vorfahrt gegenüber Autofahrer*innen, etwa an Einmündungen. Außerdem darf die Straße von Autos nur befahren werden, wenn es sich bei den Fahrer*innen um Anlieger*innen handelt.

Die Weserstraße soll nun um weitere rund zwei Kilometer zur Fahrradstraße umgebaut werden. Bei einer Informationsveranstaltung vergangenen Mittwoch stellten Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD), Stadtentwicklungsstadtrat Jochen Biedermann (Grüne) und das beteiligte Planungsbüro die aktuellen Planungen vor. So ist vorgesehen, den Abschnitt zwischen Pannier- und Ederstraße zu betonieren und zu verbreitern. Die bisherigen Fahrradwege sollen zurückgebaut werden, an deren Stelle sollen künftig Autos parken. Auch die Baumscheiben sollen vergrößert und neu gepflanzt werden, nachdem die meisten Bäume im Rahmen von Leitungsarbeiten der Wasserbetriebe abgeholzt worden waren. „Die Weserstraße hat von ihrer Lage her eine echte Bedeutung, weil sie eine wichtige Alternative zur Sonnenallee ist“, sagte Hikel. Die Verbindung würde durch die Umbauarbeiten deutlich komfortabler. Die Sonnenallee selbst könne nicht umgebaut werden, solange keine Planungen etwa zur künftigen Tramlinie vorliegen würden.

Biedermann bezeichnete sich selbst als Nutznießer der Fahrradstraße auf seinem täglichen Weg zum Rathaus und betonte, dass der Umbau nicht nur den Komfort für Radfahrer*innen steigere – sondern auch die potentielle Lebenserwartung, da sie nicht mehr auf die Sonnenallee ausweichen müssten.

Der Teil der Weserstraße, der bereits jetzt Fahrradstraße ist, wird von Radfahrer*innen intensiv genutzt. Wie Messungen des Planungsbüros zeigen, überwiegt der Radverkehr allerdings auch in den Bereichen, die jetzt umgebaut werden sollen, deutlich gegenüber dem Autoverkehr. An der Kreuzung Weser-/Ecke Tellstraße zählten die Planer*innen etwa rund 3.700 Radfahrer*innen täglich im Vergleich zu rund 2.200 Autos und 27 Schwertransportern. Auch an der Kreuzung mit der  Wildenbruchstraße überwiegen die Radfahrer*innen mit rund 2000 gegen 1.400 Autofahrer*innen und 20 Schwertransportern täglich.

Um die Weserstraße allerdings für den Verkehr zu beruhigen, seien verschiedene Verkehrslenkungsmaßnahmen nötig, betonten Hikel und die Planer*innen. Denn durch die Asphaltierung würde die Straße auch für den Autoverkehr zunächst deutlich attraktiver. Möglich seien etwa Diagonalsperren oder eine Einbahnstraßenregelung. Geplant ist der Umbau von 2020 bis 2022 in mehreren Etappen – vorbehaltlich der Finanzierungszusagen aus dem Radverkehrstopf des Senats. Ein Vertreter der Senatsverwaltung zeigte sich zuversichtlich, betonte aber auch, dass es sich bei dem Projekt um das derzeit teuerste Radinfrastrukturprojekt Berlins handele. Daher seien womöglich Abstriche an einigen Punkten nötig. So könne etwa der Gehweg nicht erneuert werden, weil dies die finanziellen Mittel sprenge, erklärte auch Wieland Voskamp vom Neuköllner Tiefbauamt.

Bewohner*innen warfen ein, warum die Straße nicht ganz für Autos gesperrt würde – oder warum nicht mehr Parkplatze entfernt würden. „Warum soll überhaupt das Ziel sein, auf beiden Seiten der Weserstraße auch zukünftig zu parken? Der Platz in der Stadt ist zu wertvoll für ein Transportmittel, das einen Großteil des Jahres nur rumsteht“, fragte sich etwa ein Anwohner. Voskamp argumentierte, dass auch eine Fahrradstraße weiterhin eine Erschließungsfunktion habe, die auch notwendig für die anliegenden Gewerbebetriebe sei. – Text: Madlen Haarbach
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Diesen Text haben wir als Leseprobe dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Neukölln entnommen. Den – kompletten – Neukölln-Newsletter gibt es unkompliziert hier leute.tagesspiegel.de