Namen & Neues

Plötzlich keine Brennpunktschule mehr: Karlsgartenschule fürchtet Verlust von Fördermitteln

Veröffentlicht am 30.10.2019 von Madlen Haarbach

Was passiert mit einer Schule, die plötzlich nicht mehr als „Brennpunkt“ gilt – und dadurch aus dem Bonusprogramm der Senatsverwaltung für Schulen mit hohen sozialen Belastungen fällt? Das fragen sich Eltern von Schüler*innen der Karlsgartenschule, die auf Grund ihrer – aus Senatssicht – positiven Schulentwicklung künftig statt 100.000 Euro nur noch rund 62.000 Euro aus dem Bonusprogramm erhalten soll. Am Montag diskutierten Beate Stoffers, Staatssekretärin für Bildung, Maja Lasic, bildungspolitische Sprecherin der SPD im Abgeordnetenhaus, Stefanie Remlinger, Sprecherin für Bildungsfinanzierung der Grünen im Abgeordnetenhaus, Christine Mallon als Schulleiterin und Ryan Plocher, Lehrer der Fritz-Karsen-Schule und Bezirksleiter der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) Neukölln vor rund 30 Interessierten über die Frage: „Gute Schule im Brennpunkt – unerwünscht?“.

Das Bonusprogramm für sogenannte Brennpunktschulen, an dem die Mehrzahl der Neuköllner Schulen beteiligt ist, habe eine besondere Tücke, sagte Moderatorin und Gesamtelternvertreterin Susann Worschech: Schulen, die sich entsprechend der Programmziele „gut entwickeln“ würden, würden dadurch auch für bildungsbürgerliche Schichten attraktiver. Da das Bonusprogramm Schulen bislang anhand der Quote sogenannter lernmittelbefreiter Schüler*innen (lmb) bewertete, würden Schulen dadurch in Gefahr laufen, ihre Fördermittel zu verlieren. Kurz: Schulen würden durch den Entzug von Fördermitteln „bestraft“, wenn sie die Ziele des Programms zu gut umsetzen würden.

Staatssekretärin Beate Stoffers erklärte, dass ein bestimmtes Raster notwendig sei, um ein „Gießkannenprinzip“ bei der Verteilung der insgesamt 18 Millionen Euro aus dem Förderprogramm zu vermeiden. Ziel sei die Schulentwicklung, und wenn dieses Ziel erreicht sei, falle eine Schule zwangsläufig irgendwann aus dem festgelegten Raster. Anschließend gebe es weitere Fördertöpfe, um die Schulen sich bewerben könnten, um gestartete Projekte fortzuführen. Hier müsse sich die Senatsverwaltung aber auch an die eigene Nase fassen, erklärte Stoffers, denn bislang seien jene Programme verhältnismäßig unübersichtlich und deutlich aufwendiger für Schulleitung und Lehrkräfte. Dies müsse sich ändern. Im Bonusprogramm können die Schulen frei über die Mittel verfügen.

Schulleiterin Christine Mallon zeigte sich besorgt, dass sie angestoßene Projekte wie die Schulbibliothek oder den Schulgarten künftig nicht mehr finanzieren könne. Ein deutlich erhöhter bürokratischer Aufwand sei, zusätzlich zum normalen Alltagsgeschäft, schlicht nicht leistbar. Außerdem sei die Schülerklientel der Karlsgartenschule nach wie vor ähnlich und bräuchte auch künftig Unterstützung. „Das Programm hat enorm dazu beigetragen, die Situation für alle an der Schule zu erleichtern“, so Mallon.

Die SPD-Abgeordnete Maja Lasic sprach von einem Paradigmenwechsel, den das Bonusprogramm eingeleitet habe, weil die Verwendung der Mittel den Schulen frei steht. So würden einerseits die Eigenständigkeit der Schulen gestärkt, aber auch Brennpunktregionen gefördert. Allerdings müssten nun andere Indikatoren gefunden werden, da die lmb-Quote seit der Wiedereinführung der Lernmittelfreiheit 2018 nicht mehr aussagekräftig sei.

GEW-Vertreter Ryan Plocher betonte, dass das Schulsystem insgesamt unterfinanziert sei. Schulleiterin Mallon ergänzte: „Ich finde, Bildung ist in Deutschland nichts wert und das frustriert mich auch als Schulleiterin.“ Lasic und Stoffers erwiderten, dass der Bildungsetat der größte im Berliner Haushalt sei und auch jährlich anwachse – allerdings seien viele Effekte erst langfristig sichtbar. Bestimmte Dinge, die nachweislich (fast) jede Schule benötige – etwa Schulsozialarbeit oder eine Bibliothek – würden nach und nach aus dem Bonusprogramm herausgenommen und in andere Fördertöpfe überführt – dadurch soll die langfristige Finanzierung gesichert sein. – Text Madlen Haarbach
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